Die »Hermeneutische Phänomenologie« ist eine bestimmte Verständnisweise des Verhältnisses von Erschließungsweg und Sachverfassung in der Philosophie. Ausgebildet wurde sie in Martin Heideggers »Sein und Zeit« und den Vorlesungen, die sich in dem zeitlichen Umfeld dieses Werkes halten, gewonnen wurde sie in Auseinandersetzung mit dem Werk Husserls, Diltheys und Schleiermachers. Entscheidende Modifikationen und Erweiterungen hat sie dann im sogenannten Ereignis-Denken Heideggers erfahren, das ab Mitte der dreißiger Jahre in seinen Schriften angesetzt werden kann.
Daß der Name »Hermeneutische Phänomenologie« sich aus drei griechischen Begriffen zusammensetzt, ist kein Zufall. Sie ist eine bewußte Rückwendung auf den Weg und Sachgedanken, wie ihn Heidegger bei Platon, Aristoteles und einigen Vorsokratikern findet, und wurde entfaltet in ausdrücklicher Gegenwendung gegen den neuzeitlichen Methodengedanken. Das neuzeitliche Methodenverständnis lebt von der Vorstellung, daß die höchste Gewißheit über etwas nur aufgrund der strengen Herleitungsmethode erreicht werden kann. Die Methode steht höher als die jeweilige Sachverfassung und entscheidet über die »Rationalität« und »Irrationalität« der Sache. Die Verfahrensweisen in der Mathematik sind dabei das methodische Leit- und Vorbild.
Dagegen steht der Weggedanke. Der Erschließungsweg einer Sache bestimmt sich vom Eigentümlichen der Sachverfassung und ihrem Verweisungsgefüge her. Der Weg zur Sache wird von der Sache selbst vorgegeben und liegt nicht sachunabhängig methodisch im Rahmen eines Anwendungsverfahrens schon fest (Descartes, Regulae ad directionem ingenii). Der diskursive Erschließungsweg läßt zur Sache gelangen, gibt Kunde von der Sache her im Blick auf eine Auslegung, die von der Sache in ihrer eigentümlichen Verfaßtheit herkommt (»hermeneuein« als Auslegen der Sache). Die Sache des philosophischen Denkens ist das Wesenhafte, wie es in der Differenz von Sein und Seiendem, von Wesen und Wesendem aufgespannt ist. Dieses Wesenhafte muß sich – um sagend entfaltet und dargelegt werden zu können (»logos«) – dem fragend Denkenden gezeigt haben. Das Sichgezeigthaben der Sache, um sie nennend zur Sprache bringen zu können, verweist auf das »phainesthai«, die Sache als Wesensphänomen. Die Sache hat sich als sie selbst, an ihr selbst und um ihrer selbst willen einem fragend Denkenden gezeigt, um in der Sprache im gelingenden Fall in die Fülle ihrer Sinn-Anwesenheit gelangen zu können.
Das Sichzeigen der Sache ist nichts einfach je schon Offenliegendes, sondern ereignet sich stets aus einem Entzug heraus. Sichzeigen und Sichentziehen, Entborgen- und Verborgensein sind das Spannungsverhältnis, in dem sich das Verhältnis von Erschließungsweg und im Grunde geschichtlicher Sachverfassung austrägt. Diese Entzugsdimension hat im späteren Ereignis-Denken Martin Heideggers gegenüber »Sein und Zeit« eine weit größere Ausfaltung und Bedeutung erlangt und die Hermeneutische Phänomenologie im Vergleich zu »Sein und Zeit« nicht unwesentlich verändert.
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