Lange kriecht man als Raupe über diese Erde und wartet auf den prächtigen Schmetterling, den man in sich trägt. Und dann vergeht die Zeit, die Verpuppung findet nicht statt, wir bleiben Larven.« (S. 9)
Als junger Mann hatte Max Aue den Wunsch Philosophie und Literatur zu studieren, entschied sich jedoch für Jura und Volkswirtschaft, machte seinen Dr. jur., wurde SS-Offizier, ging schließlich nach dem Fall des NS-Regimes nach Frankreich. Dort wurde er letztlich Fabrikleiter eines Unternehmens zur Herstellung von Spitze.
Im Nachwort zur deutschen Ausgabe von Flauberts L’Éducation sentimentale schreibt E. A. Rheinhardt: »Jede Generation [ist] als Ganzes eine gescheiterte. […] Ein Blick auf das endliche Schicksal der Generation zeigt, daß sie alle mehr oder minder in Unterkriechen und Kleinbeigeben, in Flucht vor dem Tode und in die Gewöhnlichkeit enden, wovon nur jeweils einzelne ausgenommen bleiben, nämlich die Frühverstorbenen, die wirklich Schöpferischen und die echt Religiösen.« (Flaubert, Gustave: Die Erziehung des Herzens. [Übersetzt und mit einem Nachwort versehen von E. A. Rheinhardt]. München 1956. S. 476.) Nur, so Reinhardt, durch den Gewinn an Erkenntnissen, den Glauben oder die Philosophie könne sich der Mensch mit der Tragik seines Lebens versöhnen. So ist die Geschichte von Max Aue, der im Kapitel Air auf den genannten Roman Flauberts stößt, eine negative Sozialisationsgeschichte, die bereits Frédéric Moreau, der Protagonist in L’Éducation sentimentale, seinerzeit durchlebt hat. Beide Figuren stehen am Ende des jeweiligen Romans für eine gescheiterte Generation, für das Kleinbürgertum, das sie einst hinter sich lassen wollten. Sie beide sind Menschen, die für den Großteil ihrer Generation stehen. »Ich lebe, ich tue, was mir möglich ist, so geht es jedem, ich bin ein Mensch wie jeder andere, ich bin ein Mensch wie ihr. Hört mal, wenn ich es euch doch sage: Ich bin wie ihr!« (S. 39)
Jonathan Littell: Die Wohlgesinnten. Berlin-Verlag: Berlin 2007. Wenn Sie über diesen Link bei Amazon bestellen, unterstützen Sie Phainómena mit einem kleinen Prozentsatz des (unveränderten) Kaufpreises. Besuchen Sie auch unsere Partnerprogramm-Seite.
Die Vermutung liegt nahe, daß die Darstellung der Gewalt und ihre historische Dimension es seien, die im Gedächtnis des Lesers mit bitterem Nachgeschmack haften bleiben, nachdem er das Buch zugeschlagen hat. Trotz des längst nicht überwundenen Kapitels deutscher Geschichte ist es aber eben nicht die historisch genaue Darstellung der Geschehnisse und deren Schrecken, die uns verstören, sondern die Einsicht, daß der Abgrund dem Banalen und Gewöhnlichen des Lebens innewohnt.
So ist die Trauer, die Max Aue nach dem endgültigen Fall des NS-Regimes verspürt keineswegs die Reue seiner Taten, was die Rückkehr der Eumeniden im letzten Satz bestätigt, sondern die Last gescheiterter Träume. »Ich war traurig, ohne genau zu wissen, warum. Mit einem Mal verspürte ich das ganze Gewicht der Vergangenheit, den Schmerz des Lebens und des unerbittlichen Gedächtnisses, ich blieb allein mit dem sterbenden Flußpferd, einigen Straußen und den Kadavern, allein mit der Zeit und der Traurigkeit und dem Leid der Erinnerung, mit der Grausamkeit meiner Existenz und meines künftigen Todes.« (S. 1359) Was Max Aue vom aischyleischen Orest unterscheidet, ist eben die Reue, die ihm fehlt, um sich von den Erinyen zu befreien. Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reichs wird der Übergang von der alten in die neue Ordnung durch die Rückkehr der umbenannten Rachegötter, der Eumeniden, bestätigt.
Mit dem politischen Zerfall geht die Erkenntnis seines eigenen Scheiterns einher. Genauer gesagt, geht Littell sogar noch weiter als Flaubert, denn Aue bleibt im Gegensatz zu Frédéric Moreau, der mit seinem Freund Deslauriers über sein Leben sinniert, allein. Unter Toten bleibt er zurück im zerstörten Berlin, nachdem er kurz zuvor Thomas, seinen steten Begleiter, getötet hat, und sieht zu, wie ein Tier seine letzten Atemzüge aushaucht. Es ist die völlige Regression, die, wie der Leser durch das erste Kapitel weiß, nur eine Folge haben kann: den Rückfall in den Anfang – in die gewöhnliche Existenz des kleinbürgerlichen Familienvaters, der nur noch auf seinen Ruhestand wartet, um sich schließlich dem Tod anheim zu geben. Der Mord an Thomas für die Sicherung einer neuen Identität in Frankreich entlarvt Aues Furcht vor dem Tod und besiegelt seinen individuellen Untergang. Wie Aue zu Beginn des Romans berichtet, sei alles, was er sich nun noch erhofft, »keine Neigung mehr zu irgendetwas zu verspüren«. (S. 22) Und wenige Zeilen später zeigt sich, daß genau dieser Zustand bereits eingetreten ist, körperliches wie geistiges Interesse haben ihn verlassen. Nichts mehr regt sich in ihm. Alles, was er noch hat, ist leblose Erinnerung als das Bild für die Schwere der Zeit, die keine Frucht, ja keinen Schmetterling hervorgebracht hat, sondern nur die Larve, die je schon war.
Verweise: Unter Toten 2
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