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Quelle: http://phainomena.de/2008/07/06/heilige-rede

Heilige Rede

Esoterik und Öffentlichkeit

Von Manuel Schölles am 6. Juli 2008 · Essay

Die Zunge beherrsche vor allem anderen, den Göttern folgend!« [1] heißt einer der durch Iamblichos auf uns gekommenen Hörsprüche des Pythagoras. Platon hat später dieses Gebot in eine Kritik der Schriftlichkeit transformiert, derzufolge die wesentlichen und ernsten Dinge nur der geeigneten Seele – und das bedeutet mithin: nur mündlich – eingepflanzt werden dürften, während die literarische Konservierung nur als ein Spiel (παιδιά) zu verstehen sei. [2]

Formen solcher philosophischer Esoterik finden sich bis heute, zumal bei Heidegger und der von ihm erwogenen Möglichkeit eines parallelgeschichtlichen Seitenwegs, der nur den Seltensten, den wahren Dichtern und Denkern, zugänglich sei. [3] Diesen ist zweifelsohne eine Art von Geheimwissen zu eigen, dessen öffentliche Verbreitung, weil (oder obwohl?) es allenthalben mißverstanden würde, eine Verunheiligung der Sache bedeutete. Und dieses Letzte, die Verunheiligung der Sache, ist demnach auch das einzig triftige Argument, das für die Esoteriker spricht. Denn ginge es nur um Macht und Abgrenzung wäre das der Philosophie ganz und gar unwürdig.

Andere Sorgen bekümmern die Avantgarde der sogenannten Open Access Philosophy: Gerade die Philosophen seien zu einem freien Zugang zu ihren Erkenntnissen verpflichtet, der keinen künstlichen Grenzen unterworfen sein dürfe. Daß die Open-Access-Bewegung weniger die esoterischen Lesekreise als die Gebühren zugriffsbeschränkter Zeitschriftenportale an den Pranger stellt, verweist ferner darauf, daß die Möglichkeit totaler Disponibilität philosophischer Erzeugnisse vor allem als Freiheit für den Autor von Bedeutung ist. Der Arme ist ja gezwungen, meist unbestellt und am Abgrund staatlicher Fürsorge, auf seine Reputation zu schielen und, um sich und sein Werk bekannt zu machen, in gewissen Zeitschriften zu publizieren; die Bereitstellung von Aufsätzen auf der eigenen Homepage hingegen setzt den Autor in der durchschnittlichen Wahrnehmung seiner Kollegen dem unauslöschlichen Ruch gescheiterter Existenz aus. Die Zugriffsbeschränkung durch kuratierende Einrichtungen soll also die Standards wissenschaftlichen Arbeitens gewährleisten und dessen Evaluierung erleichtern.

Hier berühren sich Esoterik und »Open Philosophy«: Beiden geht es um die Befreiung von Zwängen, die der Sache der Philosophie nur äußerlich sind. Beide suchen das Gespräch jenseits von Verwertungsmechanismen und betrieblichen Strukturen. Beiden sind die gegebenen wissenschaftlichen Standards zweifelhaft, soll doch die Sache selbst entscheiden (oder das freie Gespräch), was ›Standard‹ sein darf und was nicht. Die Skepsis schießt jedoch über das Ziel hinaus, wenn der Wert kuratierter Inhalte gar nicht mehr gewürdigt wird; im Gegenteil scheint gerade das Internet eine positive Neubewertung von Redakteuren, Herausgebern und Verlagen notwendig zu machen. Wenn es aber darum geht, herrschende Selektionskriterien zu hinterfragen, ist die Skepsis am richtigen Ort.

Das Grundprinzip esoterischer Philosophie ist die Freundschaft. Letztlich entscheidet sie über Weihe und Verstoßung. Der ἱερὸς λόγος, die heilige Rede, wird nur denen unverschlüsselt mitgeteilt, die das tiefste Vertrauen der Gruppe verdienen. Indes, verabsäumt nicht der fromme Diener der Wahrheit, der im Dunkeln verschanzt nur zu Gott und dem lieben Freund das Wort zu richten wagt, die spielerische Seite der Philosophie, die nach Platon im Schreiben und Veröffentlichen besteht? Diese Frage klingt zunächst läppisch, wenn wir auf Heideggers Worte zur Öffentlichkeit in Sein und Zeit hören: »Jeder Vorrang wird geräuschlos niedergehalten. Alles Ursprüngliche ist über Nacht als längst bekannt geglättet. Alles Erkämpfte wird handlich. Jedes Geheimnis verliert seine Kraft.« [4]

Bei Platon wiederum spielt die Gefahr des Mißverständnisses eine zentrale Rolle, die umso größer erscheint, je inniger die Erfahrung mit der Sache ist. Wer kennt nicht den Schmerz, wenn eine Entdeckung, die einem heilig ist, von den anderen mißachtet wird? Als würde durch den Frevel des schlechten Freundes die Sache selbst zuschanden gemacht.

Ein gar herrliches Spiel, Sokrates, nennst du neben den geringeren Spielen: das Spiel dessen, der von der Gerechtigkeit, und was du sonst erwähntest, dichtend mit Reden zu spielen weiß. (Platon, Phaidros 276e)

Außerhalb eines gemeinsamen Erfahrungshorizonts ist die Mitteilbarkeit begrenzt. Nicht einmal die Zurichtung der Rezipienten auf dieselben intellektuellen Voraussetzungen kann diesen Mangel beheben; Erfahrung ist nicht in‑formierbar. Beim Überschreiten dieser Grenze wird der Ernst zum Spiel, ein Logos besonderer Art, welcher den anderen allererst dahin geleiten will, eine gleichwesentliche Erfahrung zu machen. Heidegger setzt dies als »formale Anzeige« um und wurde dafür von allen Seiten verdächtigt, bewußte und unbewußte Unzulänglichkeiten seines Denkens zu verschleiern. Überhaupt scheint diese Haltung nicht alternativlos zu sein: Denn was schert mich das Unverständnis der anderen, wenn ich im Besitz einer wesentlichen Erkenntnis bin? Die Sache selbst, die mir heilig ist, bleibt doch unberührt, auch wenn sie im Feuilleton oder in Talkshows ungebührlicher Behandlung preisgegeben wäre. In Wahrheit ist Narkissos der gedemütigte: der tyrannische, von der Öffentlichkeit enteignete Priester der Wahrheit.

Die Größe eines Philosophen zeigt sich dann, wenn er das Lachen der thrakischen Magd mit Fassung, ohne Hochmut, zu ertragen vermag. Darüber sollte er nicht vergessen, daß die freie Rede wenig nützt, wenn sie unverstanden bleibt. Philosophische Mitteilung hat viele Tücken; als goldener Weg bietet sich das kluge Changieren zwischen Ernst und Spiel an, ohne aber – und das ist entscheidend – von der Pflicht des Begründens zu entbinden. Dies allein ist die heilige Rede der Philosophie: λόγον διδόναι.

  1. Oder: »Die Zunge beherrsche vor allen anderen […]!« Vgl. DK 58 C 6. ↩
  2. Vgl. Phaidros 274b ff. Vgl. hierzu Thomas A. Szlezák, Platon und die Schriftlichkeit der Philosophie. Interpretationen zu den frühen und mittleren Dialogen, Berlin / New York 1985. ↩
  3. Vgl. etwa Martin Heidegger, Besinnung, Gesamtausgabe Bd. 66, hg. v. F.-W. v. Herrmann, Frankfurt a. M., S. 230: »[…] ob in der unkennbaren Verborgenheit die Geschichte des Seyns (die Gründung seiner Wahrheit) in der Kampffolge der Einsamen anfängt und das Seyn in die eigenste und befremdenste Geschichte eingeht, deren Jubel und Trauer, deren Siege und Abstürze nur in den Herzensgrund der Seltensten überschlagen.« ↩
  4. Martin Heidegger, Sein und Zeit, 17. Aufl., Tübingen 1993. S. 127. ↩

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