In einem Gespräch zwischen Jonathan Littell und Pierre Nora wird die Sprache der Wohlgesinnten mit der von Célines Reise ans Ende der Nacht verglichen. Doch ist es wirklich die Sprache, die an Céline erinnern läßt, oder sind es nicht eher die Struktur und die Geschichte der beiden Werke? So fällt gleich ins Auge, daß nicht nur das Sujet des Krieges, sondern vor allem die Figur des Protagonisten und seines Freundes in beiden Werken sehr nah beieinander liegen.
Ferdinand Bardamu und Max Aue sind beide junge Männer, die ihre Jugend hinter sich gelassen haben, um sich voller Hoffnung und Gottvertrauen ins Leben zu stürzen. Sie sind Träumer, die vom Leben und vor allem von sich selbst gnadenlos enttäuscht werden und uns, die Leser, daran teilhaben lassen. Daß sie Gescheiterte sind, wird dem Rezipienten gleich auf den ersten Seiten klar. Hier sprechen Figuren, die bereits verloren sind, die uns vorführen, wie sie repräsentativ für eine ganze Generation auf der Suche nach Wahrheit in der Wüste gewöhnlichen Daseins dem Vergessen anheimfallen. Die Figur des Freundes stellt wie bereits in Flauberts Erziehung des Herzens eines der zentralen Strukturmerkmale dar, welches sowohl die Reise ans Ende der Nacht als auch Die Wohlgesinnnten auszeichnet. Léon Robinson, Bardamus Freund, und Thomas Hauser, der Freund Aues, begegnen ihren Freunden in den groteskesten Situationen. Stets zeichnen sich diese Zusammenkünfte durch das Changieren zwischen Realem und Fantastischem aus.
Louis-Ferdinand Céline: Reise ans Ende der Nacht. 3. Aufl. Rowohlt: Hamburg 2007. / Jonathan Littell: Die Wohlgesinnten. Berlin-Verlag: Berlin 2007. Wenn Sie über diese Links bei Amazon bestellen, unterstützen Sie Phainómena mit einem kleinen Prozentsatz des (unveränderten) Kaufpreises. Besuchen Sie auch unsere Partnerprogramm-Seite.
Beiden Freunden ist gemeinsam, daß sie als Wegbereiter den Antihelden Bardamu und Aue stets einen Schritt voraus sind. So ist Robinson in der ersten Begegnung bereits desertiert im Gegensatz zu Bardamu, der noch mit der Entscheidung dem Krieg den Rücken zu kehren hadert. Wenig später in Afrika hat Robinson denselben Posten inne, den Bardamu kurz darauf einnehmen wird. In den Wohlgesinnnten wird die gleiche Struktur am militärischen Rang sichtbar, denn Thomas bleibt von Beginn an bis zum Schluß Aues Vorgesetzter, und als der Krieg endgültig verloren ist, hat sich Thomas im Gegensatz zu Aue bereits eine Identität gesichert, die ihm das Untertauchen ermöglichen soll. Die Figur des Freundes dient in beiden Werken als Agens des Protagonisten und steht als Zeichen für die Entwicklung des jeweiligen Antihelden. Demzufolge stagniert jegliche Bewegung mit dem Tod des Doppelgängers und besiegelt mithin den Untergang der Hauptfigur. So heißt es in der Reise ans Ende der Nacht:
Dahinten, weit hinten war das Meer. Aber das war nicht der Augenblick, mich in Träumereien vom Meer zu ergehen. Ich hatte etwas anderes zu tun. Auch wenn ich mich darum bemühte, mich wegzuträumen, um nicht mehr vor meinem Leben zu stehen, ich sah es einfach überall wieder. Ich kam immer wieder auf mich selbst zurück. Mein Herumgestreune war jetzt vorbei. Jetzt mussten andere ran! … Die Welt war verschlossen! Am Ende waren wir jetzt angelangt! … […] Man will seine Jugend zurück […] Aber noch mehr durchzumachen, dazu war ich nicht bereit! … Und dabei war ich noch nicht mal soweit durchs Leben gegangen wie Robinson! … Aus mir war tatsächlich nicht viel geworden.
(S. 652–653)
Das Meer, welches hier für die heilsame Sehnsucht nach dem Tod, den erlösenden Gang in die Kontinuität steht, wird Bardamu verwehrt. So sind sie beide, die erste Person Plural kann in dieser Textpassage für Robinson und Bardamu selbst stehen, zwar »am Ende angelangt«, doch von einer Erlösung kann keine Rede sein. Bardamu wird seines Alter Ego entledigt und begreift: »Ich war nicht so groß wie der Tod. Ich war viel kleiner.« (S. 649) Zudem erinnert sich die Hauptfigur des Romans an ihre Jugend zurück wie Flauberts Frédéric Moreau und Littells Max Aue. Bardamu zieht eine Lebensbilanz und muß feststellen, daß er noch auf der Erde weilt, obwohl er längst tot ist. So sagt Bardamu zu Beginn der Geschichte: »Ja, durch und durch feige, Lola, ich lehne den Krieg ab … Ich will nicht sterben.« (S. 86) Doch diese Furcht vor dem Tod, die ihn sein ganzes Leben lang verfolgt hat als sein einziger Sinn und Antrieb, wird ihm am Ende auch noch genommen. Nun will er sterben, will sich hinweg träumen, aber ist nicht dazu befähigt.
Während Max Aues Angst zu sterben erst im Mord an Thomas, der Name kommt aus dem Hebräischen und bedeutet ›Zwilling‹, seinen Ausdruck findet, wird in der Reise ans Ende der Nacht eine ganze Geschichte der Angst entworfen, die im Handeln Bardamus stets präsent ist. Sie ist seiner jugendlichen Naivität, die ihn verführt hat in den Krieg zu ziehen, entsprungen und nimmt mit der Bewußtwerdung des Todes als einziger Ausweg, dieser Angst zu entrinnen, ihr schmähliches Ende. So ist sein Lebensweg getrieben von der Furcht zu sterben, von der Angst unterzugehen. Nebenbei bemerkt kann die Beziehung zwischen Bardamu und Robinson auch mit Freud und seiner Trieblehre erklärt werden: So führt der Tod des Doppelgängers am Ende des Textes zum Umschlagpunkt der Triebstruktur Bardamus. Mit dem Sterben Robinsons geht die Entmächtigung des Eros und damit zugleich die Erstarkung des Thanatos einher. Dies zeigt sich kurz vor Robinsons Tod, indem Bardamus nicht nur die Versöhnung mit Madelone und Léon Robinson anstrebt, sondern auch die Möglichkeit eines sexuellen Abenteuers ins Auge gefaßt hat: »[W]enn all dies Getue, diese diplomatischen Gesten und diese Angebereien vorbei sein würden, [gab] es da vielleicht die Möglichkeit einer kleinen Nummer zu viert.« (S. 621)
Diese Wunschvorstellung Bardamus verwandelt sich allerdings infolge des Mordes durch Madelon in ihr Gegenteil. Bardamu, der nun eine Frau an seiner Seite hat und ein geregeltes Leben als Arzt führt, ist die eigentlich verlorene Seele. So besaß er, als er noch »herumstreunte«, den einen Grund zu leben, auch wenn es nur die Angst und die Feigheit waren, die ihn getrieben haben. Nun ist das verschwunden, was ihm stets eine Bewegung abgerungen hat. Sein Agens Robinson, sein Eros, hat ihn verlassen, nichts anderes hätte die Versöhnung Bardamus mit der kleinbürgerlichen Welt zur Folge haben können. Er gibt sich zufrieden damit, »nicht viel geworden zu sein«, er übergibt sich dem Tod ohne gestorben zu sein und steht damit Aue, dem Geschäftsführer eines Unternehmens zur Herstellung von Spitze, in nichts nach. So setzt die Reise ans Ende der Nacht nach der Erziehung des Herzens die Reihe der Literarisierungen gescheiterter Sozialisationen fort, die »nicht [nur] von der Einsamkeit eines modernen Menschen berichtet […], sondern von der unfasslichen Einsamkeit der Masse« (Thomas Steinfeld in der Süddeutschen Zeitung, 22.5.2003). So nimmt es nicht wunder, daß uns Die Wohlgesinnten durch die Sprache des Gescheiterten erinnern läßt: Denn »die Lebenden, die man in die Krypten der Zeit verbannt, schlafen so tief gemeinsam mit den Toten, in demselben Schatten, dass man sie schon nicht mehr auseinanderhält.« (S. 225)
Verweise: Unter Toten – Teil 1
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