Nach mehr als zehn Jahren durchbrechen Portishead ihr Schweigen – durch eine neue Stille. Ihr drittes Album Third – von Thomas Gross in der Zeit (http://www.zeit.de/…) zu Recht als Avantgarde gefeiert – läßt den einen Gott, wenn er uns überhaupt noch geblieben ist, Hand in Hand mit dem Individualismus unserer Zeit untergehen. Jenes Schweigen, das uns in 11 Stücken vorgeführt wird, vollzieht und reflektiert den Mord an beiden Gottheiten, der alten über uns und der vereinzelten als dem Individuum. Die Krise, die sich in der individuellen Überhöhung des Menschen zeigt, der sich stets nur seiner eigenen Kreisbewegung bewußt ist und diese in endlosen Selbstreflexionen vergeblich aufzulösen versucht, wird in der Erschaffung des Kunstwerkes überwunden. Musik, Gesang und Dichtung fügen sich zusammen in der Anerkennung des Anderen. Portishead zeigen, wie Musik zu sich selbst und damit zu uns kommt.
Silence, das erste Stück, spricht in einer fremden Sprache Sätze einer fremden Religion (vgl. http://musik.antville.org/…). Diese ersten Verse werden weitergetragen in die nächsten Lieder, wirken untergründig als anonymer Einfluß und erster Hinweis für ein Verständnis von Third. Das Fremde stellt sich im Verlauf des Albums als dessen Grundstimmung heraus. Der Antrieb in Third ist das Andere. Daß das erste Stück nicht zum Ende kommt, abbrechen muß, liegt in der Idee des Albums selbst begründet. Portishead offenbaren die Herkunft der Musik, die ursprüngliche Stille, aus der jede Musik entspringen muß. Schlechte Musik bricht mit der Stille und mit ihrem eigenen Ursprung – Portishead bewahren sie in der Musik. Silence ist die Versammlung der in der Stille geborgenen Kräfte, die durch Magic Doors im Ereignis zur Form emporsteigen und in zerfasernden Threads wieder ins Formlose zurückkehren.
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Dem muß allerdings etwas Entscheidendes vorausgehen: das Wagnis. Erst das Wagnis, dem in Hunter musikalisch wie sprachlich Ausdruck verliehen wird, bereitet den Weg für das bevorstehende Ereignis. Im ersten Moment fühlt man sich an Playground Love von Air erinnert; schnell erkennt man aber, daß es weniger dieses Lied als vielmehr die traumartige, schwebende Atmosphäre von Sofia Coppolas The Virgin Suicides ist, die verdichtet in Hunter zum Hörer spricht.
Die Gitarre, inspiriert durch Black Sabbath’s Iron Man sowie Sunn O))) (vgl. Utley im Interview: http://remixmag.com/… ), lenkt die Aufmerksamkeit auf die Worte, die über das einzelne Lied hinaus von exponierter Bedeutung für Third sind. Die schwerelos anmutende Stimmung wird gespannt im Tönen der Gitarre, um sich darauf folgend in den Versen: »I stand on the edge of a broken sky | and I will come down; don’t know why« zu entladen. Gleich danach folgt wieder eine eher verklärte Stimmung, die mit ihrem Eintritt einen abgegrenzten, neuen Zustand und damit das Ende der Ent-Spannung markiert. Das Zusammenspiel von Spannung und Ent-Spannung birgt hier das Wagnis. Die Verwandlung der Musik in und um die zwei genannten Verse führt den Rezipienten zu diesem Phänomen und deutet im Sprechen nur noch an, was in der Musik längst ›gesagt‹ ist. Als wäre das Ich längst hinuntergekommen.
Diese Lesart könnte die verklärenden Klänge kurz nach den zwei Versen erhellen. Denn die Fragen sind im Moment des Aussprechens schon nicht mehr aktuell, mehr noch, jede Antwort zu jeder Zeit wäre zu spät, da sie von keinerlei Relevanz zeugte. »And I will come down«. Wie die Jungen im Film nach den Gründen des Selbstmordes der Geschwister Lisbon fragen und keine Antwort bekommen, so steht das Ich am Rande des gebrochenen Himmels und gibt Antwort: »don’t know why«. Genau hier, abseits von jedweder Vernunft, ist der Ort des Wagens.
Die Offenheit der Tat durch die Ferne zur ratio macht sie zu dem, was sie ist und sein muß für die Entwicklung von Third. Das Lied Nylon Smile erzählt uns nun die Vorgeschichte des Wagnisses aus Hunter, wie auch The Virgin Suicides rückblickend von der Tat der Schwestern berichtet. Die sich stellende Daseinsfrage, hörbar in der Rhythmik der Trommeln, gleicht einer Treibjagd durch den undurchdringlichen, verwirrenden Dschungel der Gedanken, durch den sich das lyrische Ich Bahn zu schlagen versucht. Das Fragen ist Bewegung und die Bewegung rhythmischer Klang antreibender Trommeln. Daß es sich hierbei ausschließlich um die zirkelhafte Eigenbewegung des individuellen Geistes handelt, wird im letzten Vers offenbar: »I never had a chance to explain exactly what I meant«.
In Plastic wird die Bewegung, welche in Nylon Smile bereits formuliert wurde, radikalisiert. Der Boomerang der eigenen Gedanken, das Drehen und Kreisen, das dem Einzelnen innewohnt und ihn vom Anderen entfernt; die Bewegung, die ein trügerisches Wissen um eine vermeintliche Einsamkeit vermittelt, mithin die Wahrnehmung des Einzelnen lähmt und zur endlosen Wiederholung des Fragens verdammt, ohne das Individuum aus sich selbst heraustreten zu lassen. We Carry On führt, wie der Titel bereits zu verstehen gibt, die Bewegung fort und bereichert diese noch durch eine weitere Dimension: Es ist der Einzelne im »Wir«, es sind die Vielen, die um sich selbst kreisen. Die Bewegung ist überall, denn »no place is safe«. Wie bereits in Plastic beschrieben, zeichnet sich die Bewegung durch die Unmöglichkeit der Annäherung zum Anderen aus. So dringt zwar eine den starren Rhythmus aufhellende Stimmung ein, doch ganz getilgt wird jener fast militärisch anmutende Takt nicht. Die starre Wiederholung zeichnet den Höhepunkt der in Nylon Smile eingeführten Bewegung aus. Wiederkehrende, ja letztlich stets anwesende Gleichförmigkeit – »And on and on«.
Zudem wird der Begriff des Glaubens eingeführt, der genauso hilflos gegenüber dieser Bewegung steht, und im Zuge dessen bereits Small ankündigt. Fast reinigend wirkt Deep Water, indem es den Rezipienten, hier Spiegel des lyrischen Ichs, von Angst befreit ins tiefe Wasser sinken läßt. Das Ich hat sich aus dem Sog des Rhythmus ausgeklingt – die Waffen gestreckt. Alle Bewegung wird blaß, alles Erleben reiner Eskapismus. Alles Flüchten wird von aller Schwere befreit, um in die Leichtigkeit des Lebens einzutauchen. Das Szenario scheint sich in absoluter Abgeschiedenheit zu vollziehen – vielleicht auf einer einsamen Insel. Dort findet sich der Hörer wieder, spürt wie das Ohr sich mit Wasser füllt, daß kaum Laute noch hineinzudringen in der Lage sind. Und doch ganz klar vernimmt er das Geklimper einer wunderlichen Plastikgitarre.
Je tiefer sich das Ich vor seiner selbst hatte verstecken wollen, je mächtiger ist der Einbruch des unüberwundenen Selbst in die vermeintliche Wirklichkeit. Die Hoffnung dem Anderen, dem »saviour« zu begegnen, wird durch die Ohnmacht gegenüber der gewaltigen Größe des eigenen Ichs zerschlagen. Machine Gun ist durch die Positionierung innerhalb von Third in seiner Präsenz unübertroffen. Der Hörer wird fast schon körperlich aus der behaglichen Ferne gerissen und in die Gegenwart zurückgeschleudert. Im Zuge dieser schmerzenden Rückkehr aus dem Eskapismus schreiten wir zur Tat. Machine Gun verkörpert die notwendige Gewaltsamkeit im Zuge der Verwandlung, die Brutalität hin zur Ruhe, der die Hinrichtung des Gottes bedarf, die in Small vollzogen wird, mit der Aussicht auf Freiheit. Für diese muß der Gott sterben.
Das Motiv der Wiederholung wird noch einmal aufgegriffen und birgt damit den Schlüssel, aus der Zirkelbewegung der Gefangenschaft auszubrechen. So erinnert diese Aufzählung und der in- und übereinander fließende Gesang von Beth Gibbons an eine Gottesanbetung. Die Worte finden allerdings erst in ihrer Wiederkehr den Weg in das Verständnis des Rezipienten. Die Wiederholung der Verse, »Hating the lord | Hating the lord | Hating the lord | Hating the lord«, geben der Blasphemie der Worte erst Konturen im Lied selbst und tun damit den angekündigten Riß (The Rip) auf, der das Abgründige, »the dark underneath«, durchscheinen läßt.
Die Gebetsmühle von Huang Yong Ping, welche derzeitig in der Ausstellung Spuren des Geistigen im Münchner Haus der Kunst zu sehen ist, vermittelt eine vergleichbar bedrohliche Stimmung. So wartet der Rezipient, wie der Betrachter der Gebetsmühle, auf die Auflösung der Spannung in der Katastrophe. Die Abwendung von Gott und damit der Mord des Einen in der Sprache führt uns zu den Magic Doors. Wie Portishead selbst im Interview mit der Spex erwähnten, liegt in diesem Lied der Schlüssel zu Third. Hier ist der Ort der Erkenntnis, hier ist die Wahrheit. In dem Bekenntnis zum Anderen, in der Öffnung des Ichs wird der Größenwahnsinn des eigenen Selbst, der sich stets in der Bewegung um das Eine drehte, überwunden.
All the muse in myself
My desire I can’t hide
No reason and I thought
So wie das Wagnis sich in Hunter sich abseits von der Vernunft ereignet, so versagt auch der Logos in der Wiederentdeckung des Mythos. Das Unbegründete, Zwecklose, der ratio ganz Ferne, lockt die Musen. Lockt sie zu Dichtern und Sängern. Die liebreizenden Frauen flüstern ihnen den Mythos zu, den diese schließlich ins Werk setzen. Schon der Weingenuß als Verweis auf Dionysos, der den Musen eng verbunden ist, findet in Small Erwähnung; in dem Stück nämlich, das für die Ankündigung des Ereignisses steht. So wird vor dem Akt der Befreiung, die sich in den blasphemischen Worten niederschlägt, der Gott des Weines beschwört.
Das Ereignis, das in Small vorbereitet wird, zeigt sich in Magic Doors, in dem das Andere auf das Ich kommt, nachdem der Mord des Einen vollzogen und »the dark underneath« spürbar wurde. Das Wagnis läßt wie das Ereignis selbst keinen Platz für die ratio, sondern öffnet, ja befreit »the chocked mind« aus We Carry On. Die Struktur innerhalb von Magic Doors zeigt in der Kunst selbst, daß Kunst nur so hervorgebracht werden kann. Die bis zur Dissonanz getriebenen Klänge, welche ihren Höhepunkt in »a pure free-jazz baritone sax solo« (Barrow im Interview: http://remixmag.com/…) feiern, werden harmonisiert durch ein Piano, welches in Begleitung von Beth Gibbons großartigem Gesang die Anwesenheit der Musen feiert.
Die Nähe der Dissonanz zum Harmonischen läßt uns verstehen, daß die Kunst und nur sie befähigt ist, »to describe this sense absurd«, die Kunst, die uns zeigt, wie Unordnung geformt und wieder dem Zerfall anheim gegeben wird. Threads bringt dieses Gehenlassen ins Ungeordnete zum Ausdruck. Noch einmal wird der Mord des Gottes in die Sprache geholt – »damned one« –und mit dem Mord des in der kreisenden Bewegung gefangenen Ichs gleichgesetzt, um schließlich zu verschwinden hinter dem bedrohlichen Dröhnen eines gleich einer Sirene rhythmisch aufheulenden Horns.
Verweise:
Portishead bei MySpace:
http://www.myspace.com/PORTISHEADALBUM3
Homepage von Portishead:
http://www.portishead.co.uk
Rezension von Third in der Zeit:
http://www.zeit.de/2008/17/Portishead
Besprechung von Silence bei Antville:
http://musik.antville.org/stories/1773021/
Interview mit Barrow und Utley bei Remix:
http://remixmag.com/artists/electronic/remix_voyage_discovery/index.html
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