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Quelle: http://phainomena.de/2009/01/26/die-neue-google-heiterkeit

Die neue Google-Heiterkeit

Über den Irrtum des Datenschutzes und die eigentliche Google-Falle

Von Manuel Schölles am 26. Januar 2009 · Essay

Es ist alter Brauch in vernetzten sog. virtuellen oder digitalen Gemeinschaften, sei es in Chats, Foren oder Blog-Kommentaren, die eigentliche Identität zu verschleiern und unter Pseudonym zu veröffentlichen. Das ist einer der Gründe, warum das Internet auf unheimliche Weise ortlos bleibt. Die Beiträge solcher ›Netz-Identitäten‹ bleiben schal und unverbindlich, ganz gleich, wie sachhaltig ihre Worte sind. Denn anders als beim Künstler-Pseudonym dient der ›Nickname‹ dem meist hastigen Meinungsaustausch – und eben nicht der Kunst. Diese ist selbständig und entfaltet sich auch ohne die Signatur ihres Urhebers, während sich die Meinung dadurch auszeichnet, daß sie als private oder öffentliche Stellungnahme adressierbar und das heißt: an eine Person gebunden sein muß, die durch vielfältige Beziehungen einer Gemeinschaft (einer Stadt, Gemeinde oder anderen Institution) angehört.

Wenn der Ursprung einer öffentlichen Meinungsäußerung im Dunkeln bleibt, wenn ich nicht wissen kann, ob sie von meinem Nachbarn, Parteifreund, Landsmann, Geschlechtsgenossen … stammt, ist sie hinfällig, haltlos, ohne Rang und Würde. Die grassierende Charakterlosigkeit, die als Pseudonymie das Vertrauen zwischen den Menschen im Internet zerstört, wird aber mit dem Schutz der Persönlichkeit gerechtfertigt. Denn: Ein Gespenst geht um im World Wide Web – das Gespenst der Google Inc.

Die Disponibilität persönlicher Meinungen durch die Suchmaschine, die es jedem Laien erlaubt, zu einer namentlich bekannten Person ein Profil, eine Art profanes Geheimdienstdossier, zu erstellen, scheint Grund genug zu sein, sich in frei zugänglichen Foren anonym zu verhalten. Doch wer glaubt wirklich, daß der Mensch suchmaschinell erfaßt werden könne? Hält nicht zu wenig vom Menschen, wer in statistischer Durchleuchtung eine echte Bedrohung zu sehen glaubt?

Wenn jemals die statistisch-mechanische Erfassung des Menschen zu einer Gefahr werden kann, dann nur unter der Bedingung, daß die Maschine soviel an materieller Macht gewonnen hat, um selektieren und vernichten zu können. Doch wenn sich dies so verhält, dann führt die Flucht in unverbindliche Namenlosigkeit – ungeachtet all ihrer psychologischen Gründe – in dieselbe Verlegenheit; der beste Schutz vor der Macht der Maschine ist nämlich – und keiner wird dies bezweifeln – das Vertrauen der Menschen zueinander. Duckmäusertum hat die Welt noch selten gerettet.

Dem liegt der Irrtum der Verwechslung von Ursache und Folge zugrunde; Nietzsche dazu:

Dieser junge Mann wird frühzeitig blass und welk. Seine Freunde sagen: daran ist die und die Krankheit schuld. Ich sage: dass er krank wurde, dass er der Krankheit nicht widerstand, war bereits Folge eines verarmten Lebens, einer hereditären Erschöpfung. […] Jeder Fehler in jedem Sinne ist die Folge von Instinkt-Entartung, von Disgregation des Willens: man definirt beinahe damit das Schlechte. Alles Gute ist Instinkt – und folglich, leicht, nothwendig, frei. Die Mühsal ist ein Einwand, der Gott ist typisch vom Helden unterschieden (in meiner Sprache: die leichten Füsse das erste Attribut der Göttlichkeit.)

(Götzen-Dämmerung, KSA 6, S. 89 f.)

In Bezug auf den Datenschutz heißt das: Schlechten Gesetzen und ihrer Anwendung geht immer der allgemeine Niedergang des Gemeinwesens voraus, nicht umgekehrt. Dieser Niedergang äußert sich zunächst nur atmosphärisch, als Stimmung, welche der Wissenschaft durchaus unzugänglich ist. Dafür braucht es Dichter-Nasen. »Nicht die Erschöpfung hat die Leere hervorgerufen, sondern die Leere hat erschöpft.« (Ernst Jünger)

Statt leichte Füße zu bekommen, ein genuines Zeichen von Freiheit, wird die Angst vor Überwachung immer hysterischer. Statt die eigene Kraft in die Worte selbst zu legen, wird sie an Verfahrensweisen und Tricks verschwendet, diese Worte möglichst unerkannt zu veröffentlichen; eine typische Prokrastinations-Falle. Doch gilt: Die Technik verliert ihre Macht, wenn wir ihr mit Gelassenheit begegnen. Die Suchmaschine ist dumm. Stehen wir also zu unseren Meinungen – und zu unseren Namen!

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