Es ist alles lächerlich, wenn man an den Tod denkt.« Thomas Bernhard meinte das Leben, das sich durch seine Lächerlichkeit gegenüber dem Tod auszeichnet. Doch ist der Tod, ist unser Tod, heute nicht lächerlich? Ist wirklich nur das Leben, belanglos und unbedeutsam?
Thomas Bernhard, dieser österreichische Romantiker des 20. Jahrhunderts, spricht in seiner Rede zur Verleihung des Literaturpreises der Hansestadt Bremen vom Ende des Märchens, spricht von der Kälte, die wir der Wissenschaft verdanken. Daß wir diese Wissenschaftler sind, daß wir uns diese Wahrheit selbst ausgesucht haben und weiterforschen werden, bis wir zu Eisklumpen erstarrt sind, versteht sich von selbst. Für diese Erkenntnis müssen wir nicht Thomas Bernhard lesen. Warum sollten wir uns aber doch immer wieder neu von seinen betörend musikalischen Wiederholungsschleifen anrühren lassen?
Thomas Bernhards Rede zur Verleihung des Literaturpreises der Hansestadt Bremen findet sich in: Thomas Bernhard: Meine Preise, Frankfurt/Main 2009. Wenn Sie über diesen Link bei Amazon bestellen, unterstützen Sie Phainómena mit einem kleinen Prozentsatz des (unveränderten) Kaufpreises. Besuchen Sie auch unsere Partnerprogramm-Seite.
Auf uns kommen Sätze, die sich vorgeblich nur mit der Lächerlichkeit des Lebens zu schmücken verstehen, sie verwandeln sich allerdings im prosaischen Tanz Bernhards zu einer Ode an die glückliche Fügung des Menschen, dem auf ewig gestattet sei, der Vergänglichkeit die Hand zu reichen. Das tragisch-komische Kreisen von Bernhards Figuren um den Agens des Lebens – um den Tod höchstselbst, der sich unter dem Gewand der Lächerlichkeit verbirgt, würdigt jene durch seine stete Anwesenheit. Im Zuge der Belanglosigkeit des Lebens ruft Bernhard den Tod an, als den einzigen Gott, der ihm noch geblieben ist. Er predigt ihn in seiner Herrlichkeit, in seiner märchenhaften Lebendigkeit und war darin dem Märchen näher, als er vielleicht glaubte.
Sollte es heute nicht eher heißen: Alles ist eine einzige Lächerlichkeit – sogar des Todes hat sie sich angenommen? Heute wird gestorben, massenhaft gestorben. Damit sei nicht gemeint, daß es viele sind, die sterben. Es will sagen: Niemand stirbt mehr seinen eigenen Tod. Ist es soweit, kommt die Krankenbahre, wird der Sterbende in das Hospital gebracht, dem Arzt übergeben. Die Schmerzen schwinden wie das Sterben selbst.
Unser Zeitalter zeichnet sich durch die Individualität des Einzelnen, oder besser: durch die ewige, aussichtslose Suche nach dem Selbst aus. Nach dem akademischen Studium (zur Kultivierung sinnentleerter Werte, möchte man sagen) erforschen wir unser Inneres auf Indienreisen, um schließlich an der Seite anderer vergeblich Suchender zu sterben.
Jetzt wird in 559 Betten gestorben. Natürlich fabrikmäßig. […] Die Masse macht es.
(Rilke: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge.)
Gehen wir noch weiter zurück. Gehen wir an den Anfang, zur Geburt. Neun Monate, plus minus zwei Wochen, darf eine Schwangerschaft andauern. Dann ist es soweit, dann muß es soweit sein. Die Krankenbahre kommt, schafft die Frau ins Hospital, wird dem Arzt übergeben. Nicht die Frau ist es, die ihr Kind zur Welt bringt, noch das Kind selbst – heute gebiert der Arzt den neuen Menschen. Die Geburt ist nun, wie auch der Tod, dem Leben gleich: selbstbestimmt und schmerzfrei. Jetzt wird termingerecht in 559 Betten geboren und gestorben. Fabrikmäßig. Die Masse macht es.
Um Bernhard ins Präsens zu übersetzen: Es ist alles klar, von einer immer tieferen Klarheit, und alles ist kalt, von entsetzlicher Kälte. Das ganze Leben ein immer gleicher, immer klarer, immer kalter Tag.
Fristgemäß kommen wir in die Welt, kreisen angetrieben durch die Suche nach einem zwielichtigen inneren Sinn selbstbestimmt durch das Leben, um den eigenen Tod rechtzeitig vor Eintritt in die Bedeutungslosigkeit zu verbannen. Ließen wir doch heute noch Ereignisse zu, die sich gerade durch ihre Plötzlichkeit und Fremde auszeichnen! Stattdessen dringen wird immer weiter in das Innere unseres vermeintlichen Selbst, wähnen uns immer tiefer in den eigenen Gedanken und Überlegungen, ohne das Wagnis eingegangen zu sein, das Andere anzunehmen. Dieses abstrakt Andere sei nichts weiter als die Möglichkeit unserer Individualität selbst. Das Fremde sei die Hingabe zur Unsicherheit, das Zulassen der Intuition, das sich gegen einen festgelegten Zeitpunkt für solch eminente Ereignisse wie Geburt und Tod sträubt.
Der Gipfel unseres Individualitätsdenkens ist erreicht. Wir sind alle gleich. Alle sind wir eine Masse.
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