Richard Yates Roman Zeiten des Aufruhrs vermittelt dem Leser bereits auf den ersten Seiten eine deutlich distanzierte Haltung des Erzählers zu seinen Figuren. Wie die Revolutionary Hill-Bewohner dem peinlichen Scheitern der Laurel Players in der Inszenierung des Stücks Der versteinerte Wald beiwohnen, so wird der Leser zum Zuschauer des Niedergangs von April und Franklin Wheeler. Der versteinerte Wald und seine stümperhafte Inszenierung nehmen als mise en abyme die noch bevorstehende Handlung vorweg: Das erfolgreiche Boulevard-Stück, das später auch eine Verfilmung mit Humphrey Bogart und Bette Davis nach sich gezogen hat, erzählt wie die Geschichte der Wheelers von einer aufkeimenden Liebe und deren Traum von Paris als den Beginn eines anderen Lebens. Im Stück kann durch das Opfer der Liebe der Traum von Europa und damit das neue Leben umgesetzt werden. April Wheeler scheitert allerdings bereits als Figur der Gabrielle und zeichnet damit ihren eigenen Verfall vor.
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Im Anfang der neuen Verfilmung von Sam Mendes mit Kate Winslet und Leonardo DiCaprio in den Hauptrollen kündigt sich eine Verfremdung des Romans von Yates an. Die Figur der April Wheeler wird hier nicht über den Umweg einer detaillierten Darstellung jener peinlichen Inszenierung eingeführt und für den Rest der Handlung stigmatisiert. Der Erhalt ihrer Ehrhaftigkeit, indem das einzig für den Zuschauer Sichtbare der fallende Vorhang ist und sonst nicht weiter auf die Inszenierung eingegangen, sondern gleich das Paar ins Zentrum des Geschehens gerückt wird, ermöglicht der weiblichen Hauptfigur vom Zuschauer ernstgenommen zu werden. Dieser Unterschied zur literarischen Vorlage ist wesentlich, denn der Film befreit so die Protagonisten und in der Folge das gesamte Geschehen vom zynischen Blick des Erzählers. Der Film nimmt den Zuschauer nicht an die Hand, indem er ihn im Gegensatz zum Roman nicht spüren läßt, wie hoffnungslos das kleinbürgerliche Leben der Wheelers ist, repräsentiert durch die Revolutionary Hill-Siedlung. Mendes hingegen schafft es, Offenheit in die Handlung zu bringen und zugleich Hoffnung zu stiften, die im Roman von Beginn an im Keim erstickt ist.
Der Zuschauer glaubt an die Pläne von April Wheeler und traut seinen Augen kaum, wenn er Zeuge dessen wird, welchen Gewinn dieser Entschluß bereits in der drögen Arbeitswelt von Frank mit sich führt. Die Öffnung Franks gegenüber der neuen Zukunftsperspektive in Paris legt den Grundstein für fruchtbare Ereignisse. Warum aber muß ihr Traum von Paris trotzdem scheitern? Der Geisteskranke John als die Kassandra-Figur des Films bringt Unausgesprochenes zur Sprache und liefert Gründe für den ausbleibenden Ausbruch aus der kleinbürgerlichen Vorstadtidylle. So zeigt sich Frank dem Zuschauer durch die Rede Johns als Schwächling, der nur noch durch die Zeugung eines weiteren Kindes seine Männlichkeit unter Beweis stellen könne, und damit auch für Paris nicht stark genug sei. Nicht zu vergessen die Einschätzung von April im selben Zuge, die John so formuliert: »Ja, so wie du jetzt guckst, hab ich langsam das Gefühl, daß er [Frank] einem auch leid tun kann.« Das hoffnungsvolle erste Gespräch mit John, in dem sie sich ihm verbunden gefühlt und noch mit Lust die eigene Geisteskrankheit diagnostiziert haben, ist nun so fern wie Paris selbst.
Doch was ist der Grund des Scheiterns? Ist es wirklich, wie John behauptet hat, Aprils emotionale Kälte oder Franks Schwäche? Diese so eindeutig kleinbürgerliche Welt neigt dazu, einfache Schuldzuschreibungen anzuziehen. Doch gerade darin steckt auch die unbefriedigende Auflösung, die immerzu einen Fluchtweg für eine neue Interpretation offen zu lassen scheint. Nehmen wir an, es gibt gar kein Scheitern. Gehen wir davon aus, Frank schoß nicht das Wasser durch den würzigen Geruch des Roastbeefs in die Augen, wie es der Roman beschreibt (vgl. S. 116), sondern es war seine Familie und eben dieser ergreifende Moment, der ihn zu Tränen rührte. In dieser Szene kehrt Frank nach einer Liason mit der Schreibkraft Maureen nach Hause. Die Niedergeschlagenheit ob der Leere, die das sexuell wie intellektuell wenig ergiebige Schäferstündchen hinterlassen hat, wird noch gesteigert durch die ihn freudig erwartende April, die liebevoll einen Abend bereitet hat, der im überraschend ergreifenden Gesang der Kinder seinen Anfang nimmt und mit dem Liebesbekenntnis Aprils an Frank verbunden mit der Idee von Paris ausklingt. Nicht nur Frank steigen hier die Tränen in die Augen, auch der Zuschauer fühlt sich beschmutzt durch den immer noch am Leib Franks haftenden Geruch vom Bett der Nebenbuhlerin, der nun die unschuldige Atmosphäre der Familie zu vergiften scheint. Die Entfernung zwischen Film und Buch wird hier nochmals ins Bild gesetzt und damit auch die These gestützt, daß Paris eine reale Möglichkeit zur Veränderung ist und kein Hirngespinst, entsprungen aus der Naivität der Protagonistin.
Denn es ist passiert. Das Ereignis, das die Wheelers mit ihrem Wagnis beschworen haben, hat sich vollzogen. Dafür müssen sie nicht nach Paris gezogen sein. Paris nämlich, ist nur die hübsche Verpackung, die das Wesentliche schmückend verhüllt. Aprils Starrsinn jenes wirklich an Frankreich zu binden und Franks Kurzsichtigkeit die Beförderung nicht als Folge des Ereignisses, sondern stattdessen als ein Zufall abzutun oder gar sich selbst zuzuschreiben, rücken das eigentliche Kleinbürgertum der Wheelers in den Blick. Die Öffnung für die Veränderung und die sichtbaren Spuren der Nähe zur Wende werden übersehen. Das von der Außenwelt oft bewunderte Paar erliegt dem Egoismus des je Einzelnen, der sie für die Möglichkeit, welche die Bindung birgt, blind macht. Frank, der sich durch die Beförderung in seiner Männlichkeit bestätigt fühlt, schiebt sogar das erwartete Kind als Grund für seine egoistische Entscheidung gegen Paris vor, und April gibt an, das beste für Frank im Sinn zu haben, obwohl sie sich zu allererst die Befreiung von Kind und Herd durch einen Job als Sekretärin in Aussicht stellt. Der Narzißmus der beiden Hauptfiguren läßt die Idee des Ausbruchs, den Wunsch nach einem anderen Leben zu Grunde gehen und enthüllt im gleichen Zuge den wahren Kern des Kleinbürgertums: das Scheitern großer Ideen an der Hybris des individuellen Lebens.
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