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Quelle: http://phainomena.de/2009/03/30/endstation-revolutionary-road

Endstation »Revolutionary Road«

Richard Yates’ brillante Analyse der Mechanismen des Selbstbetrugs

Von Sarah Fekadu am 30. März 2009 · Rezension

Der im Januar in den deutschen Kinos angelaufene Film Zeiten des Aufruhrs von Sam Mendes ruft ein literarisches Meisterwerk ins Gedächtnis, das in der deutschen Wahrnehmung amerikanischer Literatur bislang ein Schattendasein führte: Richard Yates’ Revolutionary Road (1961). In der Beschreibung des Niedergangs einer Ehe im Amerika der fünfziger Jahre vollzieht der Roman zugleich eine schonungslose Analyse zwischenmenschlicher Beziehungen im zwanzigsten Jahrhundert.

»Shock of reality«

Der Beginn des Buchs ist ebenso beiläufig wie furios: Frank Wheeler, der mit seiner Frau April und den beiden Kindern erst kürzlich ein Haus in der schmucken Vorstadtsiedlung Revolutionary Hill bezogen hat, wird bei der Laientheateraufführung der Laurel Players, in der seine Frau die Hauptrolle spielt, Zeuge einer folgenreichen Verwandlung: In der dilettantischen Inszenierung verliert die schöne und stolze April für ihn nach und nach jegliche Anziehungskraft; sie verwandelt sich in jene Durchschnittsperson, als die er sie und sich selbst nie sehen wollte. Auf der Bühne – und vor den Augen der hauptsächlich aus Nachbarn bestehenden Zuschauerschaft – spielt sich damit seine eigene Niederlage ab: Frank erlebt, wie es im Buch heißt, einen »shock of reality« (S. 13); er muß erkennen, daß er und April nicht so außergewöhnlich sind, wie er es sich immer ausgemalt hat. April, die ehemalige Schauspielschülerin, begräbt ihre schauspielerischen Ambitionen nach der mißglückten Aufführung endgültig. Was bleibt, ist die tägliche Routine der Kindererziehung und des Haushalts in der Revolutionary Road, während Frank in der Stadt einer Arbeit als Angestellter in einem Großraumbüro nachgeht, die er als unendlich langweilig empfindet.

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Die Wheelers lassen jedoch vorerst nicht ab von ihrem Traum von einem Leben, das der Banalität des amerikanischen Mittelklassestandards enthoben ist. Der Neuanfang in Paris, den April ihrem Mann an dessen dreißigsten Geburtstag in allen Einzelheiten ausmalt, ist eine weitere Idee, die dieser Sehnsucht entspringt. Auch diese scheitert letztlich an der Realität: April wird erneut schwanger, und Frank ist vom Angebot einer Beförderung zu sehr geschmeichelt, als daß er es ausschlagen könnte.

Träume und Normen

Daß es dem Autor gelingt, die große Lücke zwischen Schein und Sein, Traum und Realität der Wheelers mit schonungsloser Genauigkeit auszumessen und dennoch Empathie für die beiden zu erzeugen, ist eines der bemerkenswertesten Charakteristika des Romans. Yates ist nicht daran interessiert, die Träume der beiden Hauptprotagonisten in zynischer Weise zu demontieren, vielmehr fragt er danach, warum Träume dieser Art so häufig scheitern, und er ortet die Ursachen dafür sowohl in der gesellschaftlichen Sphäre als auch im sehr persönlichen Bereich.

Mit scharf sezierendem Blick entlarvt der Roman die Bewohner der Mittelklasseenklave Revolutionary Hill als Gemeinschaft, die auf Schauspiel und Lügen fußt. Der sich in psychiatrischer Behandlung befindliche John Givings scheint hier, ähnlich wie die fools in Shakespeares Dramen, der einzige zu sein, der mutig genug ist, die Wahrheit auszusprechen. Einerseits finanziell unabhängig, gebildet und aufgeklärt und damit den Zwängen der niedrigeren Schichten entronnen, domestizieren sich die Bewohner in ihrem übergroßen Bestreben nach Aufrechterhaltung von Normen – des Wohnens, der Kindererziehung, der Lieben – gegenseitig. Mrs. Givings, die aufdringliche Immobilienmaklerin der Wheelers, fungiert als hartnäckige Wahrerin dieser Normen, denen sich sowohl ihr Sohn als auch April Wheeler zu widersetzen versuchen. Der von Frank gepflasterte Pfad von der Straße zur Eingangstür, mit dem Besucher daran gehindert werden sollen, ungebeten durch die Küche ins Haus der Wheelers einzutreten, wird zum Sinnbild für den Versuch, sich der Einflußsphäre von Personen wie Mrs. Givings zu entziehen. Die Arbeit am Pfad wird jedoch nie vollendet, und April zerbricht schließlich am engen Korsett, daß ihr die kleinbürgerliche Gesellschaft – Frank inklusive – aufzuerlegen versucht.

Ökonomisierung der Gefühle

Während sich die Filmadaption von Sam Mendes auf die Auslotung dieser gesellschaftlichen Zwänge fokussiert und dabei teilweise der vereinfachenden Interpretation erliegt, daß die Wheelers Opfer der sozialen und historischen Umstände seien, zeigt der Roman, daß sich Öffentliches und Privates nicht mehr klar voneinander trennen lassen; sich die Lügen, die das gesellschaftliche Leben kennzeichnen, bereits so tief selbst in die intimsten Sehnsüchte und Träume eingenistet haben, daß Liebe kaum noch möglich scheint. So wundert sich Frank nach dem in einem diskreten Hotelkomplex verbrachten Schäferstündchen mit einer deutlich jüngeren Kollegin über sich selbst, daß er den »standard daydream of a married man« so mühelos in die Tat umgesetzt hat: »No fuss, no complications« (S. 250). April erkennt in der wohl berührendsten Textpassage des Buches, daß sie Frank nie um seiner selbst geliebt hat, sondern vielmehr einer Maske aufgesessen ist, die sowohl seiner als auch ihrer Eitelkeit entsprang und sich im Nachhinein als Farce entpuppt. Wenn man etwas Wahrhaftiges tun will, muß man es immer allein tun, weiß April – der Preis, den sie für diese Wahrhaftigkeit zahlt, ist hoch.

Von der Ökonomisierung der Gefühle in Zeiten des enthemmten Kapitalismus und der Digitalisierung war in den letzten Jahren sowohl im Feuilleton als auch in der Literatur häufig die Rede. Daß der Roman diese Tendenzen bereits Anfang der sechziger Jahre so unerbittlich aufspürt, macht ihn so bemerkenswert. Daß er die ansonsten distanzierte Erzählweise gegen Ende für eine Weile mit dem sehr persönlichen Blickwinkel Aprils eintauscht, unterscheidet ihn aber auch von vielen aktuellen Positionen zum Thema. Es gibt noch Hoffnung für die Liebe, suggeriert der Roman etwa im Gegenzug zum kalten Zynismus eines Houellebecqs: April und Frank Wheeler hätten es vielleicht geschafft, wenn sie ihre Gefühle vor ihre Eitelkeit gestellt hätten.

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