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Quelle: http://phainomena.de/2009/09/19/alle-opfer-alle-gleich

Alle Opfer, alle gleich

Zum Schicksal unserer Helden

Von Ulrike Janovsky am 19. September 2009 · Essay

So brutal erschlugen ihn die beiden S-Bahn-Killer. Dominik Brunner († 50), das Prügel-Opfer aus der Münchener S-Bahn.« Polizisten fordern auf zu »Zivilcourage aus Distanz« und eine Passantin, deren Blick schaudernd auf die Blutflecken am Boden verheftet ist, bleiben nur noch die Worte: »Das hätte auch mir geschehen können, wenn ich in der S-Bahn gewesen wäre.« [1]

Am Montag, einen Tag nach dem Unglück, begegnete ich gleich zwei mir fremden Menschen, die ihre Anteilnahme auf unterschiedliche Weise öffentlich bekundeten. Eine Frau sagte zu mir: »Das sind diese Videospiele, nicht wahr?« Und eine andere sah ich mit ihrem Kind an der Hand, wie sie kopfschüttelnd das Titelblatt der Abendzeitung anstarrte. Am selben Tag trifft der neue Merkur ein: Heldengedenken. Über das heroische Phantasma.


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Nur leise Zeichen der Anerkennung und ins Verstummen begriffene Bewunderung. Was uns aber vor allem und voller Genugtuung begegnet, ist die Herabsetzung. Gerade noch durch eine ausgezeichnete Tat aus der Masse enthoben, wird Dominik Brunner sogleich zurück in den Einheitsbrei hinabgezogen. Die Opferung zur Preisung der Helden ist längst verabschiedet – heute wird der Heros selbst zur Schlachtbank geführt und blutet aus unter dem Zeichen der Indifferenz. »Statt mit unseren Mitmenschen darum zu wetteifern, wer der größere Held ist, [schlagen] wir uns um die Position des beklagenswertesten Opfers« [2], so Susan Neiman. Und so nimmt es nicht wunder, daß Passanten keine echte Anerkennung für diese Tat übrig haben und sich sogar noch die Dreistigkeit erlauben, den Status des Opfers für sich selbst zu beanspruchen.

Von Dominik Brunner, dem Münchner Alltagsheld, bis zum King of Pop – die Welt lechzt nach Opfern oder wie Norbert Bolz schreibt: »Der Neid ist begierig nach Nachrichten über das Unglück der Großen, weil er ihre Exzellenz nur unter dieser Bedingung ertragen kann.« [3] Michael Jacksons leichtfüßiger Moonwalk wurde ergänzt durch das Bild eines kleinen schwarzen Jungen, der den Gürtel des Vaters im Rücken, singend um seine verlorene Kindheit tanzt. Diagnose: Peter-Pan-Syndrom. Und so wird seine übermenschliche Lebensleistung degradiert zu einem Symptom seiner psychischen Verfassung. Michael Jackson – ein weiteres beweinenswertes Opfer familiärer Gewalt. Auf seinen endgültigen Zerfall hat die Welt lange Jahre warten müssen, lange Jahre des Berichterstattens über Transracing und Nasenoperationen, ungeklärte Vaterschaften, vermeintliche Kindesmißbrauchsopfer auf der Neverland-Ranch und riesige Schuldenberge haben nun ein Ende. Denn das Wälzen der Schmutzwäsche hat sich ausgezahlt. Michael ist einer von uns – nur ein wenig bekannter.

Die Frage, ob die sog. Zivilcourage Dominik Brunners überhaupt des Blickes unserer Massenmedien gewürdigt worden wäre, hätte er nicht sein Leben dafür geben müssen, hinterläßt einen bitteren Beigeschmack, denn »die politisch korrekten Massenmedien verklären längst nicht mehr den Helden, sondern die Opfer.« [4] Es herrscht die Angst vor den Helden und damit der unbedingte Zwang zur Aufrechterhaltung der bequem eingerichteten Banalität. »Die Vorstellung von denjenigen, die um ihrer Ideale willen ihr Leben aufs Spiel setzen, [kann] zuweilen so bedrohlich sein, daß wir sie lieber tot sehen.« [5]

Achilleus und Odysseus, die in dieser Ausgabe des Merkur so oft thematisierten Helden, geben vielleicht einen kleinen Eindruck über unser bevorzugtes Heldenbild, beschaut man ihre kulturelle Verarbeitung. Achilleus schenken wir doch gern unsere, wenn auch sehr kurzweilige und zuweilen eher oberflächliche Bewunderung – besonders wenn er uns heute als Brad Pitt seinen blanken Knackarsch auf der Leinwand entgegenreckt und gleich darauf den Heldentod stirbt. Viel lieber wahrscheinlich als wir Odysseus huldigen, den wir mittels der Mythenkorrektur [6] bis in die Literatur und den Film der Gegenwart nicht heimkehren lassen, sondern lieber auf die unendliche Reise schicken. Seit der Commedia in die Hölle verbannt, büßt er bis ins 21. Jahrhundert seine Taten, gefangen in der ewigen Wiederkehr des Gleichen, wie es Death Valley Junction einem Remix aus Wild At Heart und Lost Highway vorführt. Odysseus heißt nun Desmond und wird von seiner nach Rache dürstenden Frau Valery durch die endlose Wüste getrieben. Von Dante über Ostermaier bis hin zu den Road Movies von David Lynch – um nur einige Beispiele zu nennen – wird die Fahrt zur Chiffre für das bevorstehende oder sich bereits ereignete Ende. Heimkehrende Helden sind nicht gern gesehen.

Mit Zivilcourage ummantelter Heldentod bannt die Angst – und geebnet ist der Weg zu uns herab, verhüllt und vergangen die Heldentat im Schnäuztuch unserer Anteilnahme. Doch das ist nicht alles: Noch besser fühlt man sich, hat man sogar die fiesen, allgegenwärtig lauernden Abgründe ausgelotet, aus denen die Monster kriechen und den heutigen Jugendlichen ihre Gewalttaten einflüstern. Ego-Shooter wie Doom oder Counter-Strike sind die Übeltäter, die uns der eigentlichen Gewalttat näherbringen, folgt man der eingangs erwähnten Montagsmeinung. Diesen Gedanken zu Ende geführt, läßt nicht nur unseren verkannten Helden Dominik Brunner zum Opfer werden, sondern erhebt die Täter im selben Atemzug auf eine ihm ebenbürtige Ebene. Und so sind letztlich alle Opfer. Die erpreßten Kinder, der zivilcouragierte Manager, die ignoranten übrigen Fahrgäste, die auf die schiefe Bahn geratenen, jugendlichen Gewalttäter und sogar die auf die frische Blutspur betroffen blickende Passantin. Alle Opfer. Alle gleich. Nun frage ich mich, was das für ein Menschenbild ist, das uns die Selbstbestimmung und Eigenverantwortung abspricht und uns dafür mit Ruhe und Gleichheit zu entschädigen versucht.

  1. Online-Ausgabe der Bild ↩
  2. Susan Neiman, Wenn Odysseus ein Held sein soll, dann können wir es auch sein, Merkur 9/10 (2009), S. 851. ↩
  3. Nobert Bolz, Der antiheroische Affekt, Merkur 9/10 (2009), S. 763. ↩
  4. Nobert Bolz, Der antiheroische Affekt, Merkur 9/10 (2009), S. 763. ↩
  5. Susan Neiman, Wenn Odysseus ein Held sein soll, dann können wir es auch sein, Merkur 9/10 (2009), S. 857. ↩
  6. Der Begriff ist aus folgendem Buch entnommen: Vöhler/Seidenstricker (Hg.), Mythenkorrekturen, Berlin 2008. ↩

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