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Quelle: http://phainomena.de/2009/09/20/dieses-verhasste-objekt-der-begierde

Dieses verhaßte Objekt der Begierde

Lars von Trier sucht in seinem neuen Film »Antichrist« das Böse am falschen Ort

Von Manuel Schölles am 20. September 2009 · Rezension

Lars von Triers Antichrist handelt vom Bösen. Es erscheint im Wald, in der Sexualität, in der Frau und begegnet allererst im Widerspiel der alles zergliedernden Rationalität des Mannes, im Lichte der Vernunft sozusagen, dem natürlichen Antagonisten des Fleisches und der Dunkelheit. Damit ist alles gesagt und jede hermeneutische Tiefenbohrung, dies vorab, dürfte sich bei diesem Film alsbald selbst im Wald verirren und sprechenden Füchsen hinterher jagen: »Chaos regiert.«

Chaos regiert nun vor allem im Gehirn des depressionskranken Regisseurs, der nach eigenem Bekunden die Frauen haßt und also zum Zwecke der Selbsttherapie das verhaßte Objekt im Finale auf den Scheiterhaufen werfen läßt.

Das alles muß nicht so ernst genommen werden; von Trier hat nur ein weiteres Schauermärchen über die Angst des Mannes vor dem unheimlichen Wesen der Frau gedreht. Wo jedoch in anderen Bearbeitungen dieses Sujets – etwa in David Lynchs Lost Highway – der Teufel zumal im Kopf des eifersüchtigen Mannes sein Unwesen treibt, dieser aber nolens volens den Weg einer Bewußtseinsentwicklung beschreitet, an dessen Ende sich eine neue und geweitete Sicht auf die Natur des Begehrens eröffnet, fällt dem dänischen Regisseur, der auch das Drehbuch zum Antichristen verfaßt hat, nur der Scheiterhaufen ein. Das ist dürftig und bringt übrigens weniger Unbehagen hervor als seinerzeit Ôdishon von Takashi Miike, wo monströse Männeralpträume auch ohne Waldhexen und sprechende Tiere auskommen.

Antichrist hat sein Bedenkliches, und dieses wird konsequent zu Ende geführt. Gleichwohl geht von Triers Suche nach dem Bösen in die Irre. Es läßt sich partout nicht finden, und die bizarren Gewaltszenen erwecken den Eindruck, dem Regisseur sind die Mittel ausgegangen, das Böse doch noch irgendwie in Bild und Ton zu bannen. Vielleicht, so ist zu vermuten, muß das Böse woanders gesucht werden, vielleicht ist es gerade da am Werk, wo alles in Ordnung zu sein scheint, wo sich Zerfall und Tod unauffällig und ohne lautes Geschrei ereignen. Dies gelingt etwa Michael Haneke in Caché, einem meisterlich-subtilen und auch in stilistischer Hinsicht überragenden Film. Doch in Lars von Triers erosfixierter Geisterbahnfahrt ist für solche Feinheiten kein Platz. Möge sich Andrej Tarkowski, dem Antichrist respektlos gewidmet ist, im Grabe herumdrehen! Die Zueignung ist der blanke Hohn für einen Künstler, der sein Werk als Gottesdienst verstanden wissen wollte und das Geheimnis der Frau nicht um ihr ominöses Verhältnis zum Teufel, sondern – gerade im Gegenteil – um die heilige Mutterschaft und das Wunder der Geburt ranken ließ. Lars von Trier gefällt sich anscheinend in der Pose des frivolen Anti-Tarkowski, kommt dabei aber künstlerisch nicht wirklich von der Stelle und verliert sich in der Depression: Das Tua-res-agitur, das Tarkowskis Filme so berührend macht, will sich in Antichrist nicht einstellen.

Umso verstörender, wenn Daniel Kehlmann in der Zeit die Kakologie des Antichristen als Verkehrung aufklärerischer Motive und des sensus communis adelt:

Was, wenn die Hexenverbrennungen berechtigt waren? Wenn es den Teufel gibt und wenn böse Frauen existieren, die mit ihm im Bunde sind?

Aus welchem Grund, um alles in der Welt, sollte man diese Fragen stellen? Das ist nicht die Umwendung der geläufigen Meinung ins Überraschende und Staunenswerte, sondern einfach ein hohler, abgeschmackter Anachronismus. Ich schlage daher vor, das Böse nicht mehr im Wald oder im Wesen der Frau zu suchen, sondern im Ursprung dämlicher Fragen.