Der Text ist in seiner Masse
dem Sternenhimmel vergleichbar.
Flach und tief zugleich.
(Roland Barthes)
Es beunruhigt mich, dass man ein und dieselbe Sache verschieden sehen kann. Dass jeder eine Art Filter in den Augen hat und dass dieser Filter bewirkt, dass man völlig verschiedene Dinge sieht, obwohl man ein und dasselbe betrachtet. Wie soll man sich da über die Vergangenheit einig werden? Und auch wenn man die Vergangenheit ruhen lassen könnte, zugeben würde, dass sie verheddert ist und sich nicht in eine gemeinsame Geschichte fügen lässt, was macht man mit der Gegenwart? Da herrscht dieses Filtergesetz ja auch. Wir blicken auf dasselbe und sehen etwas Verschiedenes. Erst die Zeitungen bringen morgen, was wir in Wirklichkeit gesehen haben. In Büchern schreiben sie, was das bedeutete, dieses Packen und Abschied nehmen. Wir hätten es nicht gewusst. Zeitungen und Fernsehen bestimmen für uns, was jede unserer Bewegungen und jede Entscheidung bedeutet. Sie besitzen ein Patent zur Herstellung von Ordnung. [1]
Die Frage, ob eine europäische Geschichte und damit verbunden eine gemeinsame europäische Erinnerung derselben überhaupt möglich ist, beschäftigt polnische, wie auch deutsche Gemüter gleichermaßen. Dabei rücken nicht mehr ausschließlich Fragen nach den politisch-historischen Geschehnissen ins Zentrum der Überlegungen, sondern vielmehr Fragen nach der Perspektive, mit der jene Vergangenheit betrachtet wird. Einschneidend für die Welt- und damit auch europäische Geschichte sind die nationalsozialistische Diktatur und die »ethnischen Säuberungen«, deren radikalster Gipfel auf »deutscher Seite« die Shoah ist und auf die der Blick bei der Fahrt in die Zukunft gerichtet bleibt.
Einen aktuellen Denkanstoß bietet u. a. Erika Steinbachs Projekt, ein Zentrum gegen Flucht-und Vertreibung zu errichten, das alles zum Thema Vertreibung in Mitteleuropa zusammentragen soll und das v. a. in der polnischen Öffentlichkeit auf starke Kritik stieß. Ein Großteil der Polen befürchtet mit der Errichtung des Vertriebenenzentrums, das auch an die Vertreibungsopfer aus den deutschen Siedlungsgebieten in Polen erinnern soll, eine Umverteilung der Schuld und Unschuld. Wie tief die spaltende Frage nach der Schuld, die Wahrnehmung als »Täter« bzw. »Opfer« und damit verbunden die nationalsozialistische Okkupation und Tyrannenherrschaft gegenwärtig in den polnischen Köpfe sitzt, wurde auch, von vielen zu Recht mit verständnislosem Kopfschütteln wahrgenommen, an den unliebsamen polnischen Nazikarikaturen während der Kaczyński Regierung deutlich.
Auch wenn die heute junge Generation überwiegend unbefangen und vorbehaltlos aufeinander zugeht und in einem »europäischen Klima« aufwächst, haben diese alten Vorbehalte und Ängste nach wie vor Einfluss auf die Gegenwart und die deutsch-polnische Beziehung. Es stellt sich nun also die Frage, ob es, v. a. 64 Jahre nach Kriegsende, vertretbar ist, die Kategorien »Täter«/»Opfer« noch heute gekoppelt an nationalen Kategorien anzuwenden, oder ob es nicht vielmehr sinnvoll ist, die Wahrnehmung bzw. die Filter in den Augen zu verändern und sich losgelöst von nationalen Kategorien an die nationalsozialistische Diktatur, die Shoa, die Flucht und Vertreibung und den Umgang der folgenden Generationen mit diesem Erbe zu erinnern und es so wahrheitsgetreu wie möglich zu beschreiben; kurz: ob es nicht sinnvoller ist, Ähnlichkeiten, d. h. Analogien (nicht Gleichsetzungen!) der Erfahrungen auf »beiden Seiten«, ins Zentrum der Wahrnehmung zu rücken, um nicht weiter im nationalen Schwarz-Weiß-Denken zu verharren.
Jeder Mensch wird in eine Gruppe, ein Land, eine Kultur hineingeboren und wächst in dieser für das jeweilige Land und die jeweilige Zeit spezifischen Umgebung auf und wird von den Anschauungen, den Forderungen, den Werten und dem Selbstbild seines Heimatlandes geprägt. Diese vermittelten Werte bilden einen Orientierungsrahmen, in dem sich der Mensch bewegt. Die Gruppenanalyse bezeichnet diesen Orientierungsrahmen auch als eine Art »Gruppenmatrix« [2], auf den sich die Menschen beziehen und die somit Bestandteil – d. h. nicht unabhängig – von ihr sind. Diese »Gruppenmatrix« dient nicht nur als Orientierung in der Welt, sie stiftet darüberhinaus ein »Wir-Gefühl«. Sie entsteht zum einen durch die Eigenbewertung der Gruppe, zum anderen durch die Außenbewertung durch andere Gruppen. [3] Übertragen auf Maurice Halbwachs Theorie des »kollektiven Gedächtnisses«, bildet diese »Gruppenmatrix« eines Landes den sozialen Bezugsrahmen (cadre sociaux) bzw. Horizont auf national-kultureller Ebene, innerhalb dessen sich die Menschen bewegen, kommunizieren und erinnern. Durch die Interaktion und Kommunikation mit anderen innerhalb dieser Gruppe – sei es die alltägliche Kommunikation oder die auf Symbolen basierende kulturelle Kommunikation – durch Medien, wie Bücher, Zeitungen, Bilder, dem Radio etc. werden gemeinsame und verbindende, d. h. kollektive Zeit- und Raumvorstellungen geschaffen und für ein Land spezifische Denk- und Erfahrungsströmungen vermittelt, die die Komplexität der »Wirklichkeit« jedoch reduzieren; »[Medien] besitzen ein Patent zur Herstellung von Ordnung«. [4] Sie sind Träger der vermittelten Werte und des Selbstbildes, d. h. der kulturellen Identität eines Landes, die die Menschen einer Gruppe und ihre Wahrnehmung prägen und damit auch Einfluss auf Ihre nationale Identität haben – der Kreis schließt sich.
Das »kulturelle Gedächtnis«, das sich auf einen symbolisch – mythisch – kulturellen Rahmen bezieht, ist somit vom »kommunikativen Gedächtnis«, unter welchem ein »mitwandernder« Zeitrahmen von ca. 80 bis 100 Jahren verstanden wird, der die Geschichtserfahrungen der Zeitgenossen umfasst, zu unterscheiden. Sowohl »kulturelles« als auch »kommunikatives Gedächtnis« basieren auf der Vermittlung von Zeichen und beruhen auf Institutionen wie Bibliotheken, Museen und Archiven, mit eben jenem Unterschied, dass das »kulturelle Gedächtnis« überzeitlich durch die Teilnahme an Traditionen oder Riten, wie z. B. dem Besuch wichtiger Orte und Denkmäler oder dem Feiern traditioneller Feste entsteht. Riten können aber auch Erzählungen sein, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. Wichtig hierbei ist, dass die Erzählungen den Charakter von Mythen haben und durch ihre emotionale Wirkung der Stabilisierung des Selbstbildes des Landes dienen. Das »kulturelle« und »kommunikative Gedächtnis« beeinflussen somit die Fremd- und v. a. die Eigenwahrnehmung eines Landes und können durch gezielte Auswahl bzw. gelenkte Aufmerksamkeit neu konstruiert werden. In der Vergangenheit wurde dieses Prinzip immer wieder angewandt, manchmal bis hin zur Propaganda, der bewussten Zensur und gar Verbrennung des für »nicht-identisch« gehaltenen Kulturguts gesteigert, um die Geschichte den gegenwärtigen Zielen entsprechend neu zu konstruieren und nicht selten ein destruktives »Wir-Gefühl« zu stiften.
Der Bedeutung der Bücher, d. h. des Textes und der Sprache als Leitmedium, Zeichensystem und Orientierungsrahmen eines Landes und seines »kulturellen Gedächtnisses«, soll – wenn auch nur im Streifzug – besondere Aufmerksamkeit bei der Klärung der Mentalität Deutschlands und insbesondere Polens beigemessen werden.
Später werden wir uns zum gegebenen Anlass, dem Erinnerungstag an die »Deutsche Einheit«, auf eine »vereinende« Reise durch den gegenwärtigen »Sternenhimmel der Literatur« begeben, um nach der dunklen Odyssee des Nationalsozialismus und der Teilung zukünftig in einem gemeinsamen Hafen »Europa« anzukommen – ein literarischer Anstoß für eine gemeinsame europäische und somit auch deutsch-polnische Erinnerung.
In unserem gegenwärtigen Bewusstsein werden Polen und Deutschland vor dem Hintergrund des 2. Weltkrieges zwei klare und dazu noch völlig konträre Rollen zugeteilt. Deutschland der Täter, Polen das Opfer. Doch das war nicht immer so. In Moritz Veits Aufruf an Polen aus dem Jahre 1832 gedenken die Deutschen dem polnischen Freiheitskampf noch »[i]n heil’ger Sympathie« [5]. Was ist geschehen? Die im 19. Jahrhundert aus dem Wunsch einer geeinten Nation und den gemeinsamen Werten »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit« [6] entstandenen Nationalismen – d. h. der Kampf um einen geeinten, freien Staat – waren verbindendes und zugleich trennendes Element, da jener gemeinsame Wunsch nach einer nationalen Identität zwangsläufig die Abgrenzung, gar Abwertung des Nachbarlandes mit sich brachte. In dieser Zeit entstanden auf polnischer Seite in Folge der Erinnerung an die sich wandelnde Bedeutung des Deutschen Ordens für Polen und der Schlacht bei Tannenberg im Jahr 1410 [7] auch so trennenden Stereotype wie »der Grausame Germane«, auf deutscher Seite solche wie »die polnische Wirtschaft«. [8]
Ein wesentlicher Charakter der Nationalismen sind die Mythen, die das Fundament des nationalen Selbstbildes und »kulturellen Gedächtnisses« einer Nation bilden. In Deutschland war es der »deutsche Mythos« der sich auf den germanischen Ursprung [9] zurückbesinnte und im Nationalsozialismus und einer vernichtenden »Rassenlehre« mündete. In Polen ist es der Mythos der »Märtyrernation«, »des außergewöhnlichen Leidens als ›Christus unter den Völkern‹«. [10] Ursprung und Ursache dieses Mythos ist v. a. die Zeit der »Polnischen Teilungen« in den Jahren 1772, 1793 und 1795, in denen Polen völlig von der Landkarte verschwand und das polnische Volk sein geografisches Gesicht verlor. Die Literatur diente während dieser Zeit im besonderen Maße als geistige Insel und identitätsstiftender Rahmen, der das polnische Volk durch die darin ausgedrückten gemeinsamen Sehnsüchte zusammenhielt und durch die Demütigungen der Fremdherrschaft leitete.
Insbesondere der polnische Nationaldichter Adam Mickiewicz, der im Jahre 1798, drei Jahre nach der letzten Polnischen Teilung, an einem Weihnachtsabend in der Nähe von Wilna das Licht der Welt erblickte, sollte zu so etwas wie einer geistigen Regierung des besetzten Polens werden. Aufgrund seiner antizaristischen und rebellischen Texte nach Russland verbannt, wurde er zum Symbol der unmündig gemachten Nation. Im Jahr 1830/31, mittlerweile in Paris im Exil, vollendet Mickiewicz das Drama Dziady, das noch heute zum festen Kanon der polnischen Literatur gehört und soviel wie »Ahnen« bedeutet, im Deutschen aber auch mit dem Titel »Toten- oder Ahnenfeier« übersetzt wird. Mickiewicz knüpft in diesem Drama an den kultvierten polnisch-litauischen Brauch der Totenverehrung aus heidnischen Zeiten an und entnimmt die rituellen Gesänge zum größten Teil aus der Volkspoesie. Dziady wurde eine zum Mythos erhobene Abrechnung mit der zaristischen Willkürherrschaft. Mickiewicz überwand die durch das Leiden des polnischen Volkes entstandene Verlorenheit und Perspektivlosigkeit der Menschen, indem er ihnen mittels »kultureller Gleichungen« zwischen ihrer Situation und der des leidenden Christus, bzw. der christlichen Heilsgeschichte einen emotionalen Halt – ein Gesicht – gab und der Wut über die russische Fremdherrschaft Raum verschaffte:
Um das Jahr 1822 begann die Politik des Imperators Alexander […]. Er hat als erster den instinktiven und tierischen Maß der russischen Regierung gegen die Polen als ein erlösendes, politisches Mittel als Grundlage für seine Handlungen genommen und sich die Vernichtung der polnischen Nationalität zum Ziel gemacht […]. Der systematisch vorgehende Nowosilcow begann mit seinen Folterungen zuerst bei den Kindern und der Jugend, um die Hoffnung der kommenden Generationen im Keime auszurotten[…]. Er kassierte einige Schulen in Litauen, und verfügte, daß die Jugend, die sie besucht hatte, als zivil gestorben zu betrachten sei […]. Solch ein Ukas, der es verbietet zu lernen, hat kein Beispiel in der Geschichte und ist eine original russische Erfindung. [11]
Während seiner Zeit in Paris setzte sich Mickiewicz in den in der Zeitschrift La Tribune des Peuples veröffentlichten Artikeln auch für die Idee eines neuen Europas ein, von dem er sich die Freiheit seines Volkes erhoffte: »Wir zögern nicht zu sagen, daß es der Wunsch nach Verständigung, Vereinigung, Zusammenschluß der Interessen ist« [12] – ein Satz, der im gegenwärtigen Zeitgeist vieler Polen in Vergessenheit geraten zu sein scheint.
An dieser Stelle muss jedoch auch die deutsche und im Allgemeinen die westeuropäische Mentalität und Wahrnehmung Polens und des Ostens kritisch hinterfragt werden. Wird Polen im Vergleich zu anderen westeuropäischen Ländern nicht (immer noch) als kulturell weniger wichtig angesehen? Liegt es vielleicht daran, dass die Gedanken an Polen v. a. Erinnerungen an den »Kalten Krieg«, den Kommunismus, die Problematik um die »Oder-Neiße-Grenze«, Flucht und Vertreibung und v. a. an Auschwitz, dem Symbol der Judenvernichtung, auslösen?
2. Teil: Von Tätern und Opfern
3. Teil: Sterne der Literatur am gemeinsamen Himmel
- Olga Tokarczuk, Letzte Geschichten, München 2006
, S. 144 ↩
- Ortfried Schäffter (Hg.), Das Fremde – Erfahrungsmöglichkeiten zwischen Faszination und Bedrohung, Opladen 1991
, S. 98. ↩
- Vgl. ebd., S. 97 ff. ↩
- Olga Tokarczuk, Letzte Geschichten, München 2006
, S. 144. ↩
- Polnische Literatur und deutsch-polnische Literaturbeziehungen, S. 62. ↩
- Anpassung an das 21. Jhd.: »Freiheit, Einheit, Geschwisterlichkeit«. ↩
- An dieses Deutschlandbild wird z. T. heute noch durch die Vermittlung der zum festen polnischen Kanon gehörenden Werke, wie z. B. »Krzyżacy« (dt. Kreuzritter) von Henryk Sienkiewicz oder »Placówka« (dt. Der Blaue Slimak; über die Bedrohung polnischer Dorfbewohner durch deutsche Kolonisten) von Bolesław Prus erinnert. (Vgl. Polen-Analysen; deutsche und polnische Stereotype: http://www.laender-analysen.de/polen/pdf/PolenAnalysen40.pdf) ↩
- Polnische Geschichte und deutsch-polnische Beziehungen, S. 6. ↩
- Zur Erinnerung: Eine wichtige Rolle bei der Verbreitung und Vermittlung rassistischer und antisemitischer Vorstellungen spielte der Wagner-Kreis in Bayreuth, der den Mythos von „Ariern“ und Germanen durch Bühnenweihespiele auch für ein »gebildetes« Publikum hoffähig machte. ↩
- Barbara Engelkind / Helga Hirsch (Hg.), Unbequeme Wahrheiten – Polen und sein Verhältnis zu den Juden, Frankfurt a. M. 2008, S. 9. ↩
- Gerda Hagenau, Adam Mickiewicz als Dramatiker. Dichtung und Bühnengeschichte, Frankfurt a. M. 1999
, S. 41f. ↩
- Rolf-Dieter Kluge, Von Polen, Poesie und Politik – Adam Mickiewicz, Tübingen 1999, S. 21. ↩

