1. Teil: Der deutsche Wolf und der Pole im Schafspelz
Zusammenfassend mündete der deutsche Nationalismus in die Shoa; die nationalsozialistisch gesinnte Bevölkerung Deutschlands wird dadurch zu Recht als »Täter« bezeichnet und wahrgenommen. Wolfgang Koeppens Erzählung Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch, das auf dem authentischen Erfahrungsbericht Mein Weg durch die Nacht. Ein Dokument des Rassenhasses des in München geborenen und 1938 nach Polen, später nach Ostgalizien vertriebenen »polnischen« Juden Jakob Littner basiert, bietet einen eindrücklichen, wenn auch ästhetisierten Einblick in die von den Nationalsozialisten betriebene Hetzjagd, ohne dabei an die, allerdings sehr wenigen, Deutschen zu erinnern, die sich diesem Wahn entzogen und geholfen haben.
Aus Deutschland ausgesiedelt, über die schlesische Stadt Bielitz/Bielsko – seit dem 15. Jahrhundert eine deutsche Sprachinsel in Polen, in der auch der dem Nationalsozialismus nicht abgeneigte Vater der deutschen Schriftstellerin Dagmar Leupold geboren wurde und aufwuchs – und nach Lemberg gejagt bot sich ihm das »traurige Bild: verstörte[r], ihrer Heimat beraubte[r] Menschen auf unseliger Wanderschaft« (S. 52) [1], stets auf der Flucht vor der »Geschichte [,] verkörpert in der Gestalt eines ungeheuren Blutsäufers mit Hitlerschen Zügen.« (S. 54); ein Bild, in dem »[d]ie Eltern sehen, wie ihre Kinder vor ihren Augen getötet werden.« (S. 89); ein Bild, in dem die »Abtransportierten […] der Rohstoff für dieses Werk [waren], das Kleider und Leiber armer Menschen industriell verwertet und den unnützen Rest von ihnen, die Seele, ach, die Seele, als Rauch zum Himmel schickt[e]« (S. 78); ein Bild, in dem ihre Jäger »aus den Pistolen ihre mißlungene Lebensfreude, ihre Lebensangst, ihre innere Leere gegen die kalt und gleichgültig am Himmel ihre Bahn ziehenden Sterne [feuerten].« (S. 60); Bilder, die die folgenden Generationen, zu denen auch Dagmar Leupold gehört, aus einer ganz anderen Perspektive aufarbeiten mußten.
Rudolf Leupold, ihr Vater, ein der deutschen – mehr geächteten als geachteten – Minderheit auf polnischem Territorium zugehöriger junger Mann, der beide Sprachen beherrscht und dem nach dem Abschluß seines Studiums die Beschäftigung im polnischen Schuldienst aufgrund seiner deutschen Nationalität verweigert wird. Ein junger Mann, dessen Vater sich aufgrund der Benachteiligung, die ihm als Deutscher von den Polen widerfährt, verzweifelt und sich schließlich erhängt. Ein Mann, den es kränkt, als »Deutscher zwanzig Jahre lang unter polnischer Herrschaft gelebt haben zu müssen […]« (S. 116) [2] – eine Erfahrung, die doch gerade die Polen sehr gut hätten nachempfinden können – und dessen Fanatismus durch jede weitere Benachteiligung geschürt wird, bis der Krieg ihm, anstelle bloßer »Machtphantasien, die reale Möglichkeit der Machtausübung und damit die Einladung, das Deutschsein nicht nur als Kern der eigenen Identität zu empfinden, sondern auch als Grundlage einer bedeutenden Karriere anzusehen […] [bot], die lediglich aufgrund einer Ausbildung hätte angetreten werden können.« (ebd.) Doch zu Recht fragt Dagmar Leupold auch, ob ihr Vater »nicht dennoch die Voraussetzungen, durch Bildung, durch Vielfalt an Erfahrungen und durch seinen Zugang zu beiden Kulturen« (ebd.) gehabt habe, um diesen Fanatismus zu entkräften. – Die Mehrheit der Deutschen erlag ihm.
Der polnische Patriotismus und Messianismus hingegen diente als geistige Insel, die den Menschen in Zeiten des Freiheitskampfes unter der fremden Willkürherrschaft emotionalen Halt und ein Verbundenheitsgefühl vermittelte. Polen wurde dadurch zum »Opfer«. Dieses Selbstbild sollte sich bis zur Wende, dem Fall der Mauer im Jahr 1989, bestätigen; die Fremdherrschaft des nationalsozialistischen Deutschlands wurde umgehend von der kommunistischen Fremdherrschaft Rußlands abgelöst, die das nationalsozialistische Deutschlandbild durch ihre antifaschistische Integrationspolitik auch propagandistisch, d. h. nicht wahrheitsgetreu und für die eigenen Zwecke mißbrauchend, weiter stabilisierte.
Ist das wirklich die ganze Wahrheit? Die unterschiedlichen historischen Entwicklungen und Erfahrungen beider Länder, die ihr »kollektives« und »kulturelles Gedächtnis« prägten, was somit auch den »Filter ihrer Augen« beeinflußte und maßgebliche Auswirkungen auf die Eigen- und Fremdwahrnehmung hatte und z. T. immer noch hat, führte dazu, daß alle Diskurse und Fakten, die nicht dem Selbstbild und den dadurch vermittelten Werten des Landes entsprachen, verdrängt und vergessen wurden, so z. B. auch der Antisemitismus Polens. Ebenso wenig wie die nationale Zugehörigkeit beim Holocaust eine Rolle gespielt hat, sind der Antisemitismus und die Fremdenfeindlichkeit Denkstrukturen, die sich auf nationale Kategorien begrenzen lassen. Menschen mit rassistisch-fremdenfeindlicher und antisemitischer Gesinnung sind für den Massenmord verantwortlich, daß die große Mehrheit während des 2. Weltkrieges Deutsche waren, ist ein unleugbarer Fakt, doch heißt das des Weiteren nicht, daß auch die folgenden deutschen Generationen, die jene antisemitische und rassistische Gesinnung verurteilen, sich weiterhin schuldig fühlen und sich die Schuld ihrer Vorfahren unentwegt vorhalten lassen müssen, denn sie waren damals keine Täter und sind es folglich gegenwärtig auch nicht.
Die Reaktion Martin Walsers bei der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels im Jahr 1998 auf diese widerfahrene Fremdwahrnehmung ist somit verständlich und nachvollziehbar. So, wie man sich auf deutscher Seite von der »ungerechtfertigten« Täterrolle zu befreien versucht und dadurch die Voraussetzung geschaffen hat, auch die Flucht- und Vertreibungsopfer auf »deutscher Seite« aus dem Reich der Vergessenheit zu befreien und in die »deutsche« Identität zu integrieren, muß auf polnischer Seite die Eigenwahrnehmung als »Opfer« und damit einhergehend der »Filter in den Augen« der Polen kritisch hinterfragt werden. In dem 2008 erschienenen Buch Unbequeme Wahrheiten schreiben die Polen Tomasz Szarota und Jacek Żakowski: »Wir waren uns jedoch nicht bewußt, daß Polen auch als Täter am Holocaust beteiligt waren.« (S. 167) [3]
Der grausame Mord an der gesamten jüdischen Gemeinde in Jedwabne, bei dem »die Opfer gequält, ihnen die Köpfe abgeschnitten und die Leichen geschändet […] [und] [s]päter, am 10. Juli […] die etwa anderthalbtausend noch lebenden Juden […] in eine Scheune getrieben und dort bei lebendigem Leibe verbrannt [wurden]« (S. 166), entzog sich dem polnischen Bewußtsein, da die Filter der Eigenwahrnehmung als »Opfer« diese »unbequeme« Tatsache nicht zugelassen haben, d. h. es nicht wahrhaben wollten und z. T. immer noch nicht wahr haben wollen. Noch heute reagieren viele – wenn auch nicht alle – Polen auf Zeitungsartikel, die die polnische Unschuld bezüglich der Judenvernichtung in Frage stellen, mit verleugnenden Leserbriefen, bei denen die Worte »Bekenntnis fremder Sünden« (S. 198) fast schon zu einer Floskel werden. Überdies scheinen sie ihr Leid mit dem des jüdischen Volkes zu vergleichen und mit ihm in einen Konkurrenzkampf zu treten. »Solange sich jemand als Angehöriger einer Nation sieht, die sich als ‚Christus unter den Völkern‘ begreift, muß er mit dem jüdischen Volk um die Hierarchie im Leiden konkurrieren. Denn, so die Literaturwissenschaftlerin Maria Janion, ‚es kann nicht zwei auserwählte Völker geben, auch nicht zwei Völker, die am meisten gelitten haben.‘« (S. 10) Die Polen verharren aufgrund ihres »kollektiven« und »kulturellen Gedächtnisses«, im Selbstmitleid, anstatt sich dem jüdischen Volk aufgrund ihrer ähnlichen Erfahrungen im besonderen Maße verbunden zu fühlen.
Ist es nicht langsam an der Zeit, sich losgelöst von den jeweils kollektiv-kulturellen gekoppelt an national-beschränkten »Täter-Opfer-Denkstrukturen« zusammenzuschließen, um so menschenverachtende Werte wie Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit gemeinsam als Menschen zu bekämpfen und das Unrecht in all seinen Facetten und Perspektiven zu erkennen? Wären nicht das Eingestehen der Täterrollen und das Anerkennen der Opferrollen in der europäischen Geschichte, unabhängig von der nationalen Zugehörigkeit, eine Möglichkeit, zusammen als Europäer in den Dialog zu treten?
Was die Aufarbeitung der Vergangenheit in Deutschland anbelangt, sei an dieser Stelle noch auf die Fremdwahrnehmung der Aborigines hingewiesen. Auch sie waren bis in die 70er Jahre hinein Opfer eines grausamen Genozids. Bei ihrem langandauernden Kampf um eine Entschuldigung der australischen Regierung für die begangenen Gräueltaten an ihren Völkern beriefen sie sich auf die (wenn auch nur symbolische) Geste Willy Brandts, der bei seinem ersten Besuch in Polen 1970 vor dem Mahnmal des jüdischen Ghettos niedergekniet war. [4] Die langersehnte Entschuldigung der australischen Regierung erfolgte erst im Februar 2008.
3. Teil: Sterne der Literatur am gemeinsamen Himmel
- Wolfgang Koeppen, Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch, Frankfurt a. M. 1992.
↩
- Dagmar Leupold, Nach den Kriegen. Roman eines Lebens, München 2006
, S. 116. ↩
- Barbara Engelkind / Helga Hirsch (Hg.), Unbequeme Wahrheiten. Polen und sein Verhältnis zu den Juden, Frankfurt a. M. 2008.
↩
- Vgl. Gerhard Leitner, Die Aborigines Australiens, München 2006
, S. 116. ↩
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