Nach dem lauen Sommerduft, den sanften nächtlichen Geräuschen und den bewegten ersten Takten eines Fantasie-Impromptus von Chopin, die Das Lächeln einer Sommernacht durchdringen, beginnt Ingmar Bergmans Film Frauenträume (Kvinnodröm, ebenfalls aus dem Jahr 1955) in der ernüchternd sterilen Atmosphäre eines Stockholmer Modefotostudios. In dieser Welt der reinen Oberfläche posieren weibliche Fotomodelle in einstudierter, gekünstelter Haltung vor bedeutungslosen Requisiten. Der gelangweilte Gott dieser Welt ist ein fettleibiger Auftraggeber, der in dumpfer Gleichförmigkeit mit seinen Fingern einen ewig variationslosen Rhythmus klopft. Einzig im Augenblick, in dem der Auslöser gedrückt wird, hält er kurz inne, den Mund schlaff geöffnet. Im jenem Moment der Erstarrung wird die glatte Makellosigkeit dieser Welt eingefangen und gehalten. Alter, Falten, Verfall sind aus dem Blickfeld verbannt – der schöne Schein überdeckt alles, was die Oberfläche auch nur kräuseln könnte. Doch in dieser Verbannung bleibt das Schöne leer und ohne Bedeutung – Bilder, die dem Auftraggeber nicht gefallen könnten, zerreißt Susanne Frank (Eva Dahlbeck), die Besitzerin des Studios, kurzerhand, ohne sie noch eines weiteren Blickes zu würdigen. Es ist ein Zustand gesicherter Langeweile, in der Bergmans Film beginnt und schließlich auch enden wird.
Frauenträume, Schweden 1955 (Originaltitel: Kvinnodröm). Weitere Informationen bei IMDb.
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Unterbrochen wird diese erstarrte Zeit von dem Versuch eines Ausbruchs. Susanne Frank setzt einen Fototermin in Göteborg an, zu dem sie mit dem Fotomodell Doris (Harriet Andersson), das sich gerade von ihrem Freund Palle Palt getrennt hat, aufbricht. Im Film mutet Göteborg an wie eine ferne Stadt im Süden mit sonnenüberfluteten Plätzen, weiträumigen Treppen und laubüberschatteten Parkanlagen. Sie ist ein Ort, der einer anderen Zeit, einer anderen Welt angehört. Es ist ein Tag, der nach einer von düsteren Gedanken verhangenen Nacht im Zug Wunderbares zu versprechen scheint. Vielleicht ist das ja der Tag, an dem sich ein Leben ändern kann, an dem ein Ausbruch zauberhaft möglich ist. Und diese Vorausahnung scheint sich zu bestätigen: Sehnsüchte werden befriedigt, Wünsche gehen in Erfüllung: Während Susanne Frank nach einer Trennung wieder in die Affäre mit ihrem verheirateten Liebhaber Henrik Lobelius zurückfindet, trifft Doris auf einen älteren Herrn, Konsul Otto Sönderby, der ihr jeden ihrer Wünsche nach Kleidung, Schmuck, Unterhaltung von den Augen abzulesen und zu erfüllen scheint. Doris und er verbringen einen Nachmittag wie im Rausch – mit einem Besuch auf dem Rummelplatz, mit rasanten Fahrten auf Achterbahn und Karussell, mit Marzipankuchen und Champagner.
Aber es bricht immer wieder die dunkle Seite des Märchens hervor – wenn auch nahezu unbemerkt von Doris. In der Geisterbahn erfaßt den älteren Herrn das Grauen; vor dem Rummelplatz bricht er zusammen. Die Skelettpuppen in der Bahn erinnern an sein Alter, an seine körperliche Verfassung, an Verfall und Tod. Auch in dem herrschaftlichen Haus des Konsuls, das ganz mit Efeu bewachsen wie ein verwunschenes Schloß wirkt, bricht das Grauen als unerläßlicher Bestandteil des Märchens hervor: Vor dem Porträt einer Frau bleibt Doris stehen – es zeigt die Ehefrau des Konsuls, die in einer Irrenanstalt ihr Leben fristet. Sie glaubt ihre eigene Tochter sei eine monströse Kreatur mit Wolfsklauen und Wolfskopf. Als diese Tochter – ganz ohne monströse Gliedmaßen – später im Haus ihres Vaters auftaucht, entpuppt sich dieser als geizig, hart und kalt. Doris wird nach dem Besuch seiner Tochter geradezu hinausgejagt, ohne ein Wort des Abschieds, das an den gemeinsam verbrachten Nachmittag erinnern würde.
Und auch Susanne Frank wird von der Erfüllung ihres Wunsches enttäuscht: Ihr Liebhaber offenbart sich als willensschwacher Feigling, der sich vor ihren Augen von seiner Frau erniedrigen läßt. Er ist weder fähig, sich aus den Grenzen seines geordneten Lebens zu lösen, noch sich endgültig von Susanne zu trennen. Auf diese Weise ziehen sich Henrik und Susanne nur gegenseitig weiter und weiter in einer Bewegung, in der gerade das, was ein Ausbruch ins Offene hätte sein können, nur zu einer weiteren Form der Leere und Bedeutungslosigkeit gerinnt. »Man rennt mit verbundenen Augen im Kreis umher.« – So beschreibt Henrik sein tägliches Leben im Beruf und mit der Familie und wiederholt diese verzweifelte Richtungslosigkeit auch in der Beziehung zu Susanne.
So erweist sich die Fahrt in die Ferne für Doris ebenso wie für Susanne nur als scheinbarer Aufbruch aus einer geschlossenen Welt. Die Figuren in diesem Film bewegen sich nicht in die Weite hinein, sondern bleiben stets in den enggezogenen Grenzen der Wiederholung und des Scheins. Sie bewegen sich stets in ihnen, weil sie sich dem Fremden, das ihnen begegnet, nicht stellen. Doris sieht weder Tod noch Verfall; Susanne bleibt gefangen in einer Affäre, die immer schon auf die nächste Enttäuschung und auf die nächste darauffolgende Versöhnung zusteuert. Das Verlangen der Figuren ist stets auf das Verharren des Moments gerichtet – er soll wie in einer Fotographie fixiert und gehalten werden. In diesem Bild des fixierten Augenblicks haben aber diejenigen Elemente keinen Ort, die die Oberfläche durchbrechen und ihn dadurch zu einem Erlebnis und einer Erfahrung wandeln könnten. Tod und Verfall darf es nicht geben. Eine endgültige Trennung als ein Schritt ins Ungewisse ist unmöglich.
Was bleibt ist vielleicht ein Reich, das Leonce in Georg Büchners Stück Leonce und Lena im letzten Akt als märchenhafte Utopie der Verblendung entwirft:
… wir lassen alle Uhren zerschlagen, alle Kalender verbieten und zählen Stunden und Monden nur nach der Blumenuhr, nur nach Blüte und Frucht. Und dann umstellen wir das Ländchen mit Brennspiegeln, daß es keinen Winter mehr gibt und wir uns im Sommer bis Ischia und Capri hinaufdestillieren, und wir das ganze Jahr zwischen Rosen und Veilchen, zwischen Orangen und Lorbeern stecken. [1]
So wie auch Leonce schleppen Doris und Susanne selbst im Aufbruch stets die Langeweile und die Bedeutungslosigkeit mit sich fort. Wieder zurück in Stockholm wird sich Doris mit ihrem Freund aussöhnen, Susanne wird einen Brief von Henrik erhalten, in dem er gemeinsame Tage auf einer seiner Dienstreisen ankündigt. Susanne mag zwar den Brief zerreißen, aber der nächste Aufbruch zurück in die Beziehung ist schon erahnbar. Das Dazwischen in Göteborg ist ausgelöscht und vergessen, bedeutungslos wie die Fotographie, die zu Beginn des Films in Fetzen gerissen achtlos aus dem Blickfeld fällt. Sie hinterläßt keine Spuren. Der Rausch ist kein magischer mehr wie noch in Das Lächeln einer Sommernacht – von ihm bleiben allenfalls Kopfschmerzen und ein schlechtes Gewissen, aber keine Erfahrung. Die Gegenwart ist von der Vergangenheit erlöst – sie ist ewig-bewahrter Augenblick. Leer und bedeutungslos.

