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Quelle: http://phainomena.de/2009/10/18/sterne-der-literatur-am-gemeinsamen-himmel

Sterne der Literatur am gemeinsamen Himmel

Der dritte und letzte Teil des Essays »Der deutsche Wolf und der Pole im Schafspelz« über das deutsch-polnische Verhältnis

Von Olivia Kobiela am 18. Oktober 2009 · Essay

1. Teil: Der deutsche Wolf und der Pole im Schafspelz
2. Teil: Von Tätern und Opfern

Die Möglichkeit, eine europäische Identität aufzubauen, indem man sich unabhängig seiner Nationalität zusammenzuschließt, um gegen menschenverachtende Ideologien und Werte vorzugehen, ist nicht neu. »Die Europäische Union [ist] ja selbst gewissermaßen die Gestalt gewordene Lehre aus den Kriegen und Diktaturen des 20. Jahrhunderts«. [1]

Auch im Fall des Kommunismus handelt es sich um kein national begrenztes, somit aber auch vereinendes Phänomen. Die Bühne der so süßen Illusion von Gleichheit und Gerechtigkeit ragte von Rußland über Polen, die deutsche Ostgrenze ignorierend, bis zum »Eisernen Vorhang« nach Deutschland hinein. Hinter dem Vorhang wandelte jedoch nicht Marx’ »Geist des Kommunismus«, vielmehr ein Schreckgespenst, das der nationalsozialistischen Diktatur in puncto Bewachung, Propaganda, Zensur, Intoleranz und Grausamkeit in fast nichts nachstand. Die Erfahrung instabiler Grenzen und ebenso instabiler politischer Ideen ist dadurch sowohl Polen als auch der ehemaligen Deutschen »Demokratischen« Republik gemein. Und dennoch erscheint es so, als sei die Kluft zwischen Deutschland und Polen nicht überwunden, allenfalls ins Landesinnere Deutschlands verschoben worden, denn jetzt gab – gibt? – es nicht nur Polen und Deutsche, es kam vielmehr zu einer »Dreiteilung«; Polen, Ossis und Wessis.

Scheitert an diesem Punkt der Versuch einer Einigung? So paradox es erscheinen mag, aber die vielfältigen Migrationsprozesse, deren Ursache der vom nationalsozialistischen Deutschland begonnene Krieg war, durchzogen sowohl Polen, die ehemalige »DDR« und die BRD wie Fäden und verwoben sie. Die Migranten und Flüchtlinge waren nicht selten aus Deutschland und Polen verbindenden Gebieten wie z.B. Schlesien.

Welche »Sterne der Literatur« aus unserem gegenwärtigen »kulturellen« und »kommunikativen Gedächtnis« müssen vor diesem Hintergrund nun stärker ins Bewußtsein gerückt, d.h. erinnert werden, um die Sterne unseres momentanen Himmels zu »wechseln« und sie so zu ordnen, daß der Weg zu einer gemeinsamen Identität frei wird? Hier ein Vorschlag:

Die Reise beginnt mit Olga Tokarczuk. Sie gehört zu den wichtigen Vertreterinnen der zeitgenössischen polnischen Literatur nach 1989. Kennzeichnend für diese neue Literatur ist die konsequente Verabschiedung der über Generationen hinweg betriebenen Mythologisierung der Geschichte und der damit verbundenen Sprachcodes, dessen Urvater Adam Mickiewicz, der Begründer der polnischen Romantik, war. Statt der hermeneutisch sich sehr verschließenden Tradition zu folgen, öffnete sich die polnische Literatur nach außen, auf der »Suche nach Gemeinschaft mit der jungen Generation anderer Länder«. [2] Nach Beobachtung von Jarzębski fallen vor allem die häufigen Anknüpfungen an die deutsche Tradition ins Auge.« [3]

Die Helden Olga Tokarczuks sind oft Fremde oder Wurzellose, wie auch in ihrem Roman Letzte Geschichten. Dort beschreibt sie u. a. die Fremdheitserfahrungen dreier polnischer Frauen ukrainischer Abstammung in Folge dreier Generationen. Der erste Teil erzählt von Ida Marzek, einer 54-jährigen Reiseleiterin, die Touristen in 7-Tage-Trips durch das »Herz Europas« begleitet. Auf der Suche nach ihrem Ursprung beschließt sie, zurück zu ihrem Elternhaus – ihrer Heimat – in eine ihr mittlerweile fremde Umgebung zu fahren. Der Versuch scheitert, als sie von der unkenntlichen, schneebedeckten Straße abkommt. Nach dem Autounfall findet sie bei einem älteren Ehepaar Zuflucht, in dessen Haus sie stattdessen nun von Erinnerungen eingeholt wird und über ihre Vergangenheit nachdenkt. Der zweite Teil handelt von Ida Marzeks Mutter Paraskiewa, die den 2. Weltkrieg, die Vertreibung aus ihrer Heimatregion nahe der Ukraine und den Tod in Schneewehen, im Gegensatz zu ihrer nur wenige Monate alten Tochter Lalka, überlebt hat. Ihre Flucht endet in Schlesien, wo sie zusammen mit ihrem Mann abgeschieden und isoliert auf einem Berg lebt. Der dritte Teil handelt von Idas Tochter, bzw. Paraskiewas Enkelin Maja, einer ‚beruflichen Globetrotterin‘, die Reiseführer schreibt.

Ihr Zuhause ist der Weg, sie wohnt auf Reisen. […] Sie zieht durch die Welt wie ein Geist, sie hinterläßt keine Spuren. Sie begegnet ihresgleichen, Reisegenossen, und trennt sich […] wieder von ihnen; andere nimmt sie nicht wahr, sie bleiben unscharf und verschwommen für sie, sie bewegen sich zu langsam. [4]

Auch sie gehört zu jener Gruppe und Generationenkette entwurzelter Menschen, die trotz vergleichsweise »stabiler« Zeiten die verinnerlichte Tradition der Reise und Flucht in die Fremde fortführen; zuerst ihre vertriebene Großmutter, dann ihre als Reiseleiterin im »Herzen Europas« kreisende Mutter und nun sie, die nächste im Kreis der noch folgenden Generationen, die lediglich eine feste Bindung an die konstante Wandlung, an das Reisen durch Zeit und Raum, eingeht. Wenige Seiten vorher heißt es:

Je weniger definierbar, je weniger zugehörig man ist, desto größer ist die Illusion, daß man in größerem Maß die Wahl hat, es schwindelt einem geradezu von all den Möglichkeiten des eigenen Selbst, von den potentiellen, noch nicht entwickelten Ereignisketten. [5]

Diese Eigenschaft – genauer: die bewußte wechselseitige Distanz und Nähe zu den Weltansichten der verschiedenen Kulturen, bzw. das kritische Wandeln zwischen ihnen – kann genutzt werden, eine potentielle Ereigniskette voranzutreiben; das vorurteilsfreie Näherrücken und Kennenlernen der verschiedenen Kulturen (vorerst) Europas, das Finden einer Identität jenseits nationaler, z. T. durch einseitige Medien vermittelter Kategorien und starrer Definitionen.

Das Motiv der Flucht und Fremde, bzw. »Heimatlosigkeit« findet sich auch auf Seiten »deutscher« Literatur wieder; durchzieht auch sie wie ein Faden und knüpft nicht selten an Deutschland und Polen verbindenden Regionen und Orten wie Danzig – Günter Grass: Im Krebsgang – und Schlesien an. Christoph Hein, in Schlesien geboren und nach dem Ende des Krieges nach Bad Düben bei Leipzig umgesiedelt, beschreibt in seinem Roman Landnahme auf eindringliche Weise die oftmals demütigenden Schwierigkeiten der »Umsiedler« anhand der Lebensgeschichte des Außenseiters Bernhard Haber. Dieser wird u. a. nach der Ausreise aus Breslau/Wrocław und dem Neubeginn in der sächsischen Kleinstadt Goldenberg/»DDR«, am ersten Schultag von einem Mitschüler mit der abschätzigen Bezeichnung »Polacke« begrüßt und von seinem Mathematiklehrer auf feind-se(e)lige Weise darauf hingewiesen, daß er aus »Wrocław«, nicht »Breslau« sei – zwei schneidende Bezeichnungen, die doch eine so wesentliche Gemeinsamkeit aufweisen; den bezeichneten Ort und mit ihm einen Knotenpunkt der gemeinsamen Geschichte.

Die gesamte Familie ist (und war auch auf polnischem Terrain) ein Fremdkörper in der Stadt. Der amputierte Arm, die Kriegsverletzung seines Vaters, wird zum Ersatz für das nicht errichtete Denkmal an die sieben gefallenen Soldaten Goldenbergs; er löst Erinnerungen an die im Krieg verlorenen Menschen, an die Schuld und an die Folgen, und damit einhergehend an die Schwierigkeit als Täter um seine Opfer des Krieges zu trauern, aus; Erinnerungen, die man ebenso von sich zu schieben und zu verdrängen versucht wie Bernhards Vater und seine Familie. Der Apotheker des Dorfes bringt diese nach wie vor ambivalente Nachkriegsmentalität treffend auf den Punkt:

Diese schönen Vorgärten, diese entzückenden Blumenbeete vor den kleinen Häusern, sie verströmen den Geruch von Neuritis und Wahnsinn, denn sie werden mit Depressionen gedüngt. Ich muß es wissen, denn bei mir holen sie sich die Tabletten. Und wenn ich sie ihnen verkaufen dürfte, so würden sie sich ein paar endgültige Tabletten besorgen, um hier rauszukommen. [6]

Eine harmonische Kulisse des Nachkriegsdramas in Deutschland. Eine Kulisse, die für kurze Zeit gestört wird, als Bernhard Habers Vater, ein Schreiner, dessen Werkstatt zum zweiten Mal, zuerst in Schlesien, dann in Deutschland, angezündet wurde, erhängt aufgefunden wird.

Der Faden führt weiter zu Arno Schmidt, der uns nun weiter auf der Reise, raus aus der »DDR«, weiter in die BRD, begleitet. Arno Schmidt, welcher schlesischen Ursprungs und somit z. T. selbst im Spannungsfeld deutsch-polnischer Identität aufgewachsen ist, beschreibt in seiner Erzählung Die Umsiedler u. a. die Flucht bzw. Ausreise aus dem Osten und die Suche nach einer neuen Heimat in der Bundesrepublik Deutschland. Zu den »Umsiedlern« gehörten dabei neben den Menschen aus der ehemaligen »DDR« auch die Bevölkerung aus Schlesien, dem Sudetenland und Ostpreußen. Schmidt zeichnet in dieser Erzählung auf kunstvolle Weise Bilder der Ausreise (einer mehrtägigen Bahnfahrt), des »sogenannte[n] Existieren[s]« [7] in den oftmals heruntergekommenen Übergangsunterkünften, dem Gefühl der Fremdheit und des Ausgegrenztseins, der Erfahrung des Verlusts der »Heimat« und damit einhergehend der Menschen und der Nichtigkeit materieller Werte : In dieser Zeit erschienen »[d]ie Sterne […] wie Diebe in Regenmänteln, in schleichenden Wolkengassen« [8].

Das »Packen und Abschied nehmen« [9] war gekennzeichnet von dem Gefühl des Verlusts und der Heimatlosigkeit. Dieses Bild scheint sich in der Gegenwart jedoch zunehmend zu wandeln. Andrzej Stasiuk, ein weiterer bedeutender Schriftsteller der polnischen Gegenwartsliteratur, veröffentlichte mit Dojczland [10] einen ironischen und unterhaltsamen, wenn auch nicht allzu literarischen Reisebericht über Deutschland, in dem er sowohl mit polnischen als auch deutschen Klischees und den Resten der antideutschen Nachkriegspropaganda in Polen zu spielen weiß. Im Klappentext heißt es:

Mann kann nicht mal locker nach Deutschland fahren. […] Nach Deutschland fahren, das ist Psychoanalyse.

Am anderen Ende der Couch sitzt Steffen Möller. Als Deutscher ohne »bikulturelle« Wurzeln, packte er – ohne jegliche politische Zwänge im Nacken- die Koffer und reiste regelmäßig nach Polen, bis ihn Land und Leute endgültig für sich gewannen. In seinem Buch Viva Polonia. Ein deutscher Gastarbeiter in Polen schildert er auf humorvolle, wenn auch manchmal zu überspitzte Weise, die fast südländische aber zugleich auch pessimistische Mentalität Polens mitsamt ihren Eigenarten. Ein durchaus unterhaltsamer Beitrag zur Verbesserung der deutsch-polnischen Beziehungen, wie z. B. auch Radek Knapps Gebrauchsanweisung für Polen. Beide schließen an die Tradition Heinrich Heines Reisebilder [11] an, in welchen er schon Anfang des 19. Jahrhundert für die freiheitsliebenden, von der Obrigkeit unterdrückten Polen und die unsteten »Weichselaphroditen« schwärmte. »In der Tat, die polnische Geschichte ist die Miniaturgeschichte Deutschlands«, schreibt Heine. Ein Satz, der heute zu Recht nicht mehr für wahr befunden wird und für wahr befunden werden kann, der aber im Hinblick auf ein vereintes Europa wieder ins Bewußtsein zurückgerufen – wiedererinnert werden muß.

Die Errichtung eines Erinnerungszentrums über Flucht- und Vertreibung, das es sich zur Aufgabe macht, die Vertreibungen in Mitteleuropa aus den verschiedensten Perspektiven zusammenzutragen, ist ein Schritt in die richtige Richtung, da es, wie der 2. Weltkrieg, eine gemeinsame gesamteuropäische Erfahrung ist und somit zu einer vereinenden Erfahrung werden könnte. [12]

Denn auch wenn das »Gestirn, auf dem kluge Thiere das Erkennen erfanden […] die hochmütigste Minute der ‚Weltgeschichte‘ [war]« [13], d. h. Bücher und die darin enthaltenen Zeichen und Metaphern, die in immer anderer Form versuchen die »Wahrheit« und »Wirklichkeit«, bzw. die Erfahrungen und die Bedeutung der Geschehnisse auszudrücken, um sie aus stets verschiedenen Perspektiven wenigstens teilweise greif- und fixierbar zu machen, nie zur Erkenntnis einer einzig allgemeingültigen Wahrheit führen und die Vorstellungen von Erfahrungen begrifflich beschränken (werden), so können sie trotz allem – gerade wegen ihres fixierten, ordnenden und prägenden Charakters – neu angeordnet als Orientierung für einen vereinenden Wandel dienen.

Wenn Olga Tokarczuk also schreibt,»dass [die Geschichte] verheddert ist und sich nicht in eine gemeinsame Geschichte fügen lässt, […]« [14], dann hat sie Recht, da die Geschichte, bzw. die »wirkliche« Vergangenheit aufgrund der verschiedenen Perspektiven und Erfahrungen zu komplex und voller schwarzer Löcher ist, als daß man sie zu einem gradlinigen Faden drehen – allenfalls »spinnen« – könnte. Sie gleicht vielmehr einem verwickelten, vieldimensionalen und »verfuzzelten« Gewebe ohne Rückseite, das einem chaotischen dunkelblauen Sternenhimmel gleicht; voller Sterne, die durch veränderte Wahrnehmung stets neu geordnet und zu neuen vereinenden Konstellationen zusammengefügt werden können; Konstellationen in einem gemeinsamen Himmel über Europa, in dem die Kulturen als gleichwertig wahrgenommene Partner einen geschlossenen, vollkommenen Kreis bilden müssen, um zu einer neuen europäischen Heimat werden zu können.

  1. Anna Hofmann / Basil Kerski (Hg.), Deutsche und Polen. Erinnerungen im Dialog, Osnabrück 2007, S. 31. ↩
  2. Dörte Lütvogt, Raum und Zeit in Olga Tokarczuks Roman Prawiek i inne czasy (Ur und andere Zeiten), Frankfurt a. M. 2004, S. 59. ↩
  3. Ebd. ↩
  4. Olga Tokarczuk, Letzte Geschichten, München 2006, S. 265. ↩
  5. Ebd., S. 248. ↩
  6. Christoph Hein, Landnahme, Frankfurt a. M. 2005, S. 52. ↩
  7. Arno Schmidt, Seelandschaft mit Pocahontas/Die Umsiedler, Frankfurt a. M. 2008, S. 78. ↩
  8. Ebd. ↩
  9. Olga Tokarczuk, Letzte Geschichten, S.144. ↩
  10. Die polnische Orthographie wurde an den deutschen Begriff für »Deutschland« angepaßt. Die polnische Bezeichnung für »Deutschland« lautet »Niemiec«. Sie entwickelte sich aus dem Wort niemy (dt. stumm) und bezeichnete ehemals die germanischen Stämme, die im Gegensatz zu den anderen an »Polen« angrenzten slawischen Stämmen, nicht in der Lage waren die slawische Sprache zu verstehen und bei Versuchen ins Gespräch zu kommen »stumm« – d. h. niemy – blieben. ↩
  11. Vgl. Heinrich Heine, Reisebilder: Google Books, S.488 ff. ↩
  12. Vgl. hierzu die These Daniel Levy und Natan Sznaider in: Erinnerung im globalen Zeitalter. Der Holocaust, Frankfurt a. M. 2001, 10-11: »Nichts war ‚kosmopolitischer’ als die Konzentrations-und Vernichtungslager der Nazis.« (25)«. Und die Jeffrey Alexanders in: „On the social Constructionof Moral Universals“, in: Alexander et al. Hg., Cultural Trauma and Collective Identity, Berkeley 2004. (Diese Verweise sind einem Skript A. Assmanns entnommen). ↩
  13. Friedrich Nietzsche, Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn, in: KSA 1, S. 875. ↩
  14. Olga Tokarczuk, Letzte Geschichten, S.144. ↩