Bevor wir uns weiter in die allgemeine Theorie des Stils vertiefen, dürfte es nun dazu angetan sein, einen konkreten Anwendungsfall zu betrachten: das Problem des Rahmenbaus. Dem Deutschen eignet nämlich die Besonderheit, daß nicht wenige Sätze wie Rahmen oder Klammern strukturiert sind. [1] Dies wird meist durch die Aufspaltung des Prädikats erzwungen:
Im Apollonhymnus des Kallimachos wird der Gott als der Kommende, der nur im Vollzug da ist und durch dieses Geschehen das Ursprüngliche im Dasein des Menschen zur Erscheinung bringt, gefeiert.
Das Prädikat des Hauptsatzes »wird gefeiert« bildet in diesem Beispiel den Rahmen des Satzes, der dadurch seltsam holprig-stockend und nachgerade unfertig wirkt. Der Zielpol (Ernst Drach), mit dem der Gedanke abgeschlossen und zu einer Sinneinheit verwoben wird, scheint zu schwach zu sein, um als echte Grenze und Vollendung der zum Ausdruck kommenden Idee zu genügen.
Ein gelungener Rahmenbau stellt mittels der Spaltung des Verbs eine spannungsvolle Gliederung des Gedankens her, die jedoch ohne einen bestimmten Rhythmus wieder auseinander fällt. Da wir Prosatexten kein strenges Metrum auferlegen können, ist dieser Rhythmus nicht leicht zu bestimmen. Sehen wir also zunächst, wie das Problem dem Höreindruck gemäß bewältigt werden kann. Um das Holpern zwischen dem Abschluß des Relativsatzes »bringt« und dem Zielpol »gefeiert« zu beseitigen, stehen grundsätzlich zwei Möglichkeiten zur Verfügung:
1. Das Verringern oder Lösen der Spannung, indem der zweite Teil des Verbs näher an den ersten gerückt wird.
2. Die Stärkung des Zielpols durch adverbiale Zusätze.
Ad 1: Im Apollonhymnus des Kallimachos wird der Gott als der Kommende gefeiert, der …
Ad. 2: Im Apollonhymnus des Kallimachos wird der Gott als der Kommende, der …, hoffnungsfroh und mit eindrücklichen Worten gefeiert.
Die zweite Möglichkeit birgt offensichtliche Gefahren: Der Versuchung, leere Füllwörter einzufügen, die den ursprünglich gefaßten Gedanken stören könnten, wird allzu leicht nachgegeben. Der erste Fall hingegen stellt eine zufriedenstellende Lösung dar, allerdings zugunsten einer geringeren Binnenspannung des Satzes, sodaß die Geltung des Relativsatzes größer wird und den Satz in ein Ungleichgewicht zu bringen droht. Es ist auch nicht auszuschließen, mit der Lösung der Spannung sachliche Abstriche zu riskieren, da die Feier nicht mehr am Ende steht und mithin an Bedeutung verliert.
Diesen eher äußerlichen Versuchen, den Rhythmus unseres Beispielsatzes zu korrigieren, möchte ich noch eine andere Möglichkeit entgegenstellen, indem wir genauer auf die Sache hören. Nehmen wir an, der Autor des Satzes möchte einerseits die dichterische Preisung der Epiphanie Apollons durch den hellenistischen Dichter und andererseits den näheren Charakter dieser Epiphanie von Seiten des Gottes, die sich ereignishaft im Bezug auf das Wesen des Menschen vollzieht, zum Ausdruck bringen und die beiden Gedanken entsprechend vereinen. Das Verhältnis zwischen der Handlung des Menschen (Kallimachos) und der Handlung des Gottes muß sonach als Grundverhältnis sich wechselseitig bedingender Relata verstanden werden.
Dieses Wechselverhältnis wird aber von der hypotaktischen Struktur des Satzes, einer Relativkonstruktion, konterkariert. Der Rahmenbau erweckt den Eindruck einer Unterordnung bei sachlicher Gleichordnung. Der Relativsatz ist in gewisser Weise nicht leitfähig, weil die in ihm zum Ausdruck kommende Idee so schwerwiegend ist, daß die Dominanz des rahmenbildenden Hauptsatzes der inneren Bezüge des Sachverhaltes nicht gerecht werden kann. Versuchen wir also auf Grundlage dieser Erörterung eine bessere Version:
Im Apollonhymnus des Kallimachos wird der Gott als der Kommende gefeiert; das Göttliche als Ereignis, das nur im Vollzug da ist und durch dieses Geschehen das Ursprüngliche im Dasein des Menschen zur Erscheinung bringt. [2]
Ob die Analyse des Inhalts korrekt und der Lösungsvorschlag geglückt ist, sei dahingestellt. Entscheidend ist vielmehr, daß dieses Beispiel deutlich macht, wie rhythmische Unstimmigkeiten, die beim Rahmenbau zuweilen entstehen, nicht nur durch äußerliches Abmessen des Satzes, sondern auch (und vor allem) durch ein erörterndes Verweilen bei der darzustellenden Sache geheilt werden können.
Daß der Rhythmus der Sprache, d. h. ihre gegliederte Zeit-Fülle, sich von der Sache her ergibt, dürfte Dichtern keine neue Entdeckung sein. Im Gegenteil, dichterische Texte scheinen dieses Verhältnis sogar eigens zu sagen und auffällig zu machen. Aber nicht nur für die Dichter gilt es beim Denken, Sprechen und Schreiben zu beachten, daß schon die Sache selbst von sich her rhythmisch verfaßt ist.
- Vgl. hierzu auch Ludwig Reiners, Stilkunst. Ein Lehrbuch deutscher Prosa
, 2. Aufl. d. neubearb. Ausgabe, München 2004, S. 79–81. ↩
- Ich habe mich für dieses Beispiel von Hannelore Rausch, Theoria, München 1982 inspirieren lassen. Dort heißt es auf S. 77: »Im Apollonhymnus des Kallimachos wird der Gott als der Kommende gefeiert. Das Göttliche als Ereignis […]« ↩

