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Quelle: http://phainomena.de/2009/11/06/war-es-ein-krg

War es ein krg?

Winnetou hielt seine Nase dicht an die Zedernzweige und roch … absolut nichts … sie ritten weiter

Von Ulrike Janovsky am 6. November 2009 · Rezension

Die Tage von Derrick und Columbo sind gezählt. Kein Inspektor, der die Lösung des Falls bereits zu Beginn der Ermittlung im linken Bein pochen hört oder den Mörder durch Einfühlung in die Beteiligten zu ermitteln vermag. Die heutigen Kriminalfälle stehen unter dem Regiment der DNA-Analyse. Und so liegt das Hauptaugenmerk der Ermittlungsarbeit auf den Freßgewohnheiten von Maden, anstatt der Befragung von Augenzeugen. Bezeichnend dafür ist die Umsetzung der Zeugenbefragung in Jörg Maurers Roman Föhnlage. »War es eher ein krg – […] oder ein phfump?« (S. 46) Das Ergebnis der Befragung: »Knallzeuge«, Frau Dr. Schmalfuß. Und wie ein Knall löst sich auch der Sinn der Ermittlungmethode in Luft auf. Doch welche Methoden führen Kommissar Jennerwein zur Lösung des Falls? Horatio ist in Miami und leider auch das wissenschaftlich versierte Ermittlerteam an seiner Seite.


Diese Rezension bezieht sich auf folgende Ausgabe: Jörg Maurer, Föhnlage. Alpen-Krimi, 7. Aufl., Fischer: Frankfurt a. M. 2009. Wenn Sie über diesen Link bei Amazon bestellen, unterstützen Sie Phainómena mit einem kleinen Prozentsatz des (unveränderten) Kaufpreises. Besuchen Sie auch unsere Partnerprogramm-Seite.


Wichtig zu wissen ist, daß es sich um keinen normalen Fall handelt. Es gibt nämlich keinen Mörder im herkömmlichen Sinne und es gibt auch keine Opfer, die sich in ein Schema xy fügen lassen. Wir haben einen Unfall, der viele unterschiedliche Interpretationsmöglichkeiten anbietet, da er durch die Verkettung unmöglicher Zufälle zustande kam. Und wie der Fall ein logisch unlösbares Rätsel aufgibt, da es von Anfang an jeglicher Logik entbehrt, müssen die Methoden auch entsprechend zur Anwendung kommen – oder gerade nicht zur Anwendung kommen. Die skurrilsten Mutmaßungen – vom Terroranschlag bis zum Selbstmordattentat ist alles dabei – werden angestellt, bis sich am Ende doch die unerklärliche Psychose oder, wie Jennerwein es selbst nennt, ein Hirnlappenkratzer als nützlichstes Werkzeug zur Aufklärung des Falles herausstellt.

Und was für ein Kommissar wird mit einem solchen Fall betraut? Er muß ein Konglomerat aus Columbo, Horatio, Special-Agent Dale B. Cooper, Jessica Beatrice Fletcher und Winnetou sein. Und das ist Jennerwein. Er ist ein Kommissar, der alle Eigenschaften in sich vereint. Alles und Nichts ist. Ein Mann ohne Eigenschaften. »Er war mittelblond, mittelgutaussehend«, hatte eine undefinierbare Haarfarbe und ein unmöglich zu schätzendes Alter. Er war so unscheinbar, daß er »beim Weltkongreß der Hardcore-Vegetarier ein Wiener Schnitzel [hätte] essen können, ohne aufzufallen«. (S. 38)

Und so wunderbar wie diese Figur eingeführt wird, glänzt auch das gesamte Buch durch seine ulkigen Sprachbilder, die ein leichtes Schmunzeln unverhofft in plötzliche Lachattacken zu verwandeln und genauso schnell das eben verzehrte Knabberzeug halbzerkaut aus dem Hals zu katapultieren vermöchten. Ich selbst habe Bionade Quitte, Chio-Chips Sour Cream sowie dann und wann eine Ritter-Sport-Rippe während des Lesens verzehrt. Die Kohlensäure verträgt sich nicht so gut mit dem Salzgebäck. Vor allem wenn sich beides fühlbar auf der Grenze zwischen Nasen und Mundraum zu vereinen sucht.

Ein Buch mit so viel Witz, noch dazu gepaart mit Spannung, habe ich selten gelesen. Deshalb kann ich es mir leider nicht verkneifen, ein kleines Best Of meiner liebsten Stellen anzuhängen. Um jedoch nicht gar so stark zu spoilern, werde ich die Stellen nur andeutungsweise und völlig zusammenhangslos in den Raum werfen.

Mein Platz eins: »Für Garderobieren gehen keine Menschen ins Theater, sondern Windjacken, Lodenmäntel und Regenumhänge. Menschen sind für sie Mäntel mit etwas Fleisch dran.« (S. 75)
Gleich danach kommt: »… alle löffelten und leckten stehend, aus Bechern und Schalen, von Waffeln und Hölzchen, fortgeschrittene Gelatophile bekamen ihre Kugeln sogar in die hohle Hand gedrückt […] Bacchus selbst musste sein Eis so genossen haben.« (S. 167)
Unübertroffen ist natürlich auch die Einführung der rauchfreien Raucherpause und die Vermutung eines seit der Maueröffnung geplanten Selbstmordattentats des sächsischen Schläfers Liebscher.

Prädikat: Besonders wertvoll. Unbedingt lesen. Am besten in Föhnlage.