
Daß die Welt keine Philosophie-Blogs braucht, glaube ich immer noch. Denn wenn man in Anschlag bringt, daß schon diesseits des Internets die hypertrophe Erzeugung geisteswissenschaftlicher Texte die Kapazitäten eines durchschnittlichen Lesers zu überfordern scheint, muß man zu der Überzeugung gelangen, daß für das Lesen von Weblogs kaum noch Muße bleibt und mithin gar keine Nachfrage nach philosophischer Lektüre im Internet besteht. So hat Thomas Steinfeld unlängst in der Süddeutschen Zeitung eine Studie zitiert, nach der eine geisteswissenschaftliche Publikation in einer gewöhnlichen Zeitschrift im Schnitt weniger als zwei Leser finde.
Tatsächlich ist eine philosophische Blog-Szene im deutschsprachigen Raum fast nicht existent, womit nicht bloß die Gesamtheit der Blogs, die sich philosophisch nennen, gemeint ist, sondern ein vernetztes sich gegenseitig befruchtendes und dynamisches Gefüge öffentlich zugänglicher Texte, die eben philosophisch und nicht politisch oder esoterisch (oder einfach stupide) sind. Nicht zu vergessen, daß man an ein Blog auch gewisse technische Anforderungen stellen kann: Ein Faszikel photokopierter Papiere würde man auch nicht als Zeitschrift bezeichnen.
Über die Gründe kann spekuliert werden: Neben der weit verbreiteten Plagiatsangst – dabei sind Plagiate von elektronisch zugänglichen Texten besonders leicht zu entdecken und Open-Access das beste Mittel gegen unerlaubtes Abschreiben – grassiert unter Philosophen eine zweite noch viel tiefer sitzende Angst, nämlich die aus den Abgründen der Überlieferung gewachsene Öffentlichkeitsphobie, die sich gelegentlich auch als intellektueller Aristokratismus mißversteht. Wie ich früher schon einmal geschrieben habe, gibt es gute Gründe für den Philosophen, sich in die Stille, in die Einsamkeit zurückzuziehen, aber es sollten eben gute Gründe sein – Narzißmus ist kein guter Grund. Philosophen müssen ja nicht publizieren, um Philosophen zu sein, aber daß es so wenig Spieler unter ihnen gibt, die ihre Gedanken frei und leicht an uns verschenken, ohne Angst und Befangenheit, ist ein wenig schade.
Nichtsdestoweniger entsteht immer wieder ein neues respektables Philosophie-Projekt in den Weiten des Internets, so wie das Theorieblog, das seit Ende Januar online ist. Als ich den Namen das erste Mal gelesen habe, hatte ich ein etwas banges Gefühl, tatsächlich handelt es sich aber um ein Gemeinschaftsblog für politische Theorie und Philosophie, das nicht nur über Neuigkeiten informiert, sondern auch, was wegen der oben genannten Phobien selten genug ist, mit eigenen Essays aus akademisch geübten Federn aufwarten kann. Ich fühle mich nicht kompetent genug, das Theorieblog fachlich zu bewerten; ich habe es jedenfalls abonniert und möchte es hiermit freundlich weiterempfehlen.
(Umfassende Listen deutschsprachiger Philosophie-Blogs finden sich übrigens in den Blogrolls von Philoblog und Philosophieblog.)
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