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Quelle: http://phainomena.de/2010/08/08/stoerung-der-mondzeit

Störung der Mondzeit

Duncan Jones versucht mit „Moon“ den philosophischen Science-Fiction-Film wiederzubeleben. Das gelingt ihm beinahe

Von Tom Wellmann am 8. August 2010 ·  Rezension

© Koch Media/24 Bilder

Warten ist bekanntlich umso schwieriger und belastender, je näher das Erwartete rückt. Diesem Phänomen sieht sich auch Sam, der Protagonist von Duncan Jones’ Regiedebüt Moon, zu Beginn des Films ausgesetzt. Nach drei Jahren als Arbeiter auf einer von der Firma Lunar Industries betriebenen Station auf der erdabgewandten Seite des Mondes bleiben ihm noch zwei Wochen, bis er wieder zu Frau und Tochter auf die Erde zurückkehren kann. Das Unternehmen gewinnt auf dieser Station das wertvolle Helium 3, das zur Erzeugung von sauberer Energie genutzt wird, mit der Lunar nach eigenen Angaben schon 70 % der Erdbevölkerung versorgt. Um sich die mittlerweile vollends lästige Zeit zu vertreiben, sieht sich Sam trashige Videos an, baut an einem hölzernen Modell seiner Heimatstadt, treibt Sport und unterhält sich mit Gerty, einem Roboter, der ihm zugleich Hausfrau, Assistent und einziger Gesprächspartner (mit der hypersanften Stimme von Kevin Spacey) ist. Von Zeit zu Zeit erreichen Sam Videobotschaften seiner Frau, doch das Kommunikationssystem ist zerstört, weshalb beide nicht live miteinander sprechen können.

Diese Anfangssituation wird bald durch ein unvorhergesehenes Ereignis auf den Kopf gestellt, eine Wendung, durch die erst das den Film eigentlich bestimmende dramatische Setting herbeigeführt wird. Aus der immer drückender werdenden Langeweile heraus beginnt Sam zu halluzinieren. Als ihm einmal im Mondfahrzeug eine dunkelhaarige Frau erscheint, baut er einen Unfall und bleibt bewusstlos im Fahrzeug stecken. In der nächsten Szene wacht Sam auf der Krankenstation, gepflegt von Gerty, wieder auf. Der Roboter teilt ihm mit, er habe einen Unfall gehabt, ein Rescue-Team sei unterwegs und er dürfe die Station nicht verlassen. Sam, der sich an nichts davon erinnert, wird misstrauisch, verschafft sich mit einem Trick Ausgang, findet draußen das Unfallfahrzeug und darinnen einen verletzten Menschen, den er wiederum zur Krankenstation bringt. Dieser entpuppt sich als ein zweiter Sam, oder besser gesagt, als der dem Zuschauer bekannte erste Sam. Für einen Moment fragt sich jeder, ob diese Konstellation das Produkt seines fortgeschrittenen Wahnsinns sei, doch Gerty wartet schon bald mit der natürlichen Erklärung auf: Beide Sams seien Klone mit implantierten Erinnerungen, programmiert, für drei Jahre die Station zu hüten, bis ein neuer Klon erweckt werde, den der alte freilich niemals zu Gesicht bekommen dürfe. Über den daher unverkennbaren und notwendigen wahren Charakter des euphemistisch sogenannten Rescue-Teams gewinnen die Klone schnell Klarheit, und dies ist die Lage, aus der heraus sich die Geschichte entspinnt, die nunmehr in der Interaktion der drei Besatzungsmitglieder besteht.

Dass Jones mit seinem Film einen philosophischen Anspruch verfolgt, wird schon durch die zahlreichen Reminiszenzen an die großen Vorgänger (Tarkowski, Kubrick) und andere deutlich. Und tatsächlich erweist sich auch hier die Mondstation als geeignete Kulisse für die Darstellung einer existenziellen Verwandlung des Menschen, die nicht allein psychischer Natur ist, sondern in einem tatsächlichen Umschlag der den Menschen bestimmenden raum-zeitlichen Verhältnisse besteht. So bedeutet die Erkenntnis, dass er ein für eine dreijährige Arbeitsspanne vorgesehener Klon ist, für Sam gleichsam einen doppelten Umschlag der Zeit: Nachdem er sich zuvor als Mensch sowohl mit Zukunft und Vergangenheit (beides versammelt in seiner abwesenden Familie) sehen musste, erweisen sich nun beide für ihn als ein Scheinbild. Stattdessen muss er sich selbst nunmehr als zugehörig zu einem quasi-zyklischen Zeitgeschehen begreifen, das sich für ihn zwar nur einmal erleben lässt, aber alle drei Jahre von einem neuen alter ego wieder durchlaufen wird. Zugleich bedeutet aber die Erkenntnis dieser wahren, quasi-zyklischen Zeit, in die Sam eingesperrt ist, auch schon deren Störung und Durchbrechung. Erst, weil irgendetwas an dem Programm schiefgeht, erhalten die beiden Sam-Klone so etwas wie eine Geschichte, die im Film erzählt wird.

© Koch Media/24 Bilder

Auch die für den Astronautenklon bestehende Räumlichkeit verkehrt sich ins Gegenteil: Während er sich zuvor mehr oder weniger im Nichts des Raumes befand und seine Heimat, im hölzernen Modell vergegenwärtigt, ihm als Woher und Wohin dagegen alles war, so zeigt sich nun, dass es diese Heimat zumindest für ihn nicht gibt, dass vielmehr sein Alles allein diese nichtige Mondstation ist.

Die Klone sind nun allerdings weit entfernt davon, diesem ihren intelligent inszenierten Wesenswandel auch nur annähernd verstehend und handelnd begegnen zu können. In der Darstellung der Verweigerung oder der Unfähigkeit der beiden, sich das sich aufdrängende neue Selbstverständnis irgendwie zu eigen zu machen, liegen nach meiner Meinung die größten Qualitäten von Moon. Was macht der Mensch, der erfährt, das sein Sein nicht das eigentliche, grundständige Sein ist, wie er glaubte, sondern ein abgeleitetes, sekundäres, temporäres und völlig perspektivloses? Nun, was soll er schon machen? Er pflegt seine Pflanzen, übt ein wenig Pingpong, schnitzt Hölzer, hört sinnlose Gute-Laune-Musik. Ein echtes Gespräch zwischen den Klonen kommt zunächst so gut wie gar nicht zustande, dafür aber eine handfeste Schlägerei. Erst die stets wiederholten penetranten Erinnerungen an die baldige Ankunft des Rescue-Teams („Noch geschätzte 7 Stunden bis zur Ankunft von Eliza“, so der, wie eine Google-Abfrage zeigt, sprechende Name des Raumschiffs), treiben die beiden fast gewaltsam dazu, endlich aus ihrem Stupor zu erwachen.

Zugleich liefert die Konstellation auch die Voraussetzungen für eine Interpretation als psychologische Studie: Wie fremd ist Sam sein Ich von vor drei Jahren, mit dem er sich partout nicht identifizieren kann, obwohl es genauso aussieht wie er, sondern das ihm bestenfalls auf die Nerven geht.

Den weiteren Ereignissen, die, soviel sei gesagt, nur noch selten überraschen können, ist an dieser Stelle nicht weiter vorzugreifen, vor allem nicht, wie die Klone schließlich doch Stellung nehmen zu ihrem Schicksal. Spannend im Folgenden scheint mir vor allem die Figur der Roboterfrau Gerty. Sie, die immer einem einzigen, von der Firma definierten Programm folgt, die sich also immer gleich bleibt, wechselt in den Augen der Zuschauer aufgrund der veränderten Umstände gleich mehrfach die Seiten. Man hat in ihrem Verhalten eine Inkonsistenz sehen wollen, doch ist sie eben nur genau so lange der verlängerte Arm von Lunar Industries, solange es auf der Station keine Störung und damit keine voranschreitende Zeit gibt. Selbst ein Programm, dessen Reaktionen aufs Genaueste festgelegt sind, entwickelt bei der Konfrontation mit Unvorhergesehenem eine Eigendynamik.

Solange Moon das Innenleben der Mondstation behandelt, vermag er zu fesseln und einzunehmen. Kaum überzeugen kann dagegen die lebensweltliche Einbettung des ganzen Szenarios: Die Vision eines künftigen Turbo-Kapitalismus, bei dem das sich selbst als ultimativer Weltverbesserer feiernde Unternehmen Lunar Industries, das 70 % der Erde mit Strom versorgt, aus Effizienzgründen nur jeweils einen einzigen Klon auf seiner Erntestation auf dem Mond, der zentralen Quelle seines Erfolgs, einsetzt, der alle drei Jahre liquidiert und durch einen neuen ersetzt wird, erscheint mir, gelinde gesagt, etwas tendenziös.

Auch der Sinn der anachronistischen 80er-Jahre-Retro-Ästhetik des Films – die Gänge der Mondstation sehen in etwa so schäbig aus wie auf dem ersten Raumschiff Enterprise – leuchtet mir keineswegs ein, außer, dass damit womöglich irgendeine Art Coolness erzielt werden sollte. Auch bei einem Budget von nur 5 Millionen Dollar hätte Gerty doch etwas moderner aussehen können als der aus Pappkartons und Alufolie gebastelte Roboter aus meiner Kindergartenzeit. Ein zeitgemäßerer Anstrich hätte dem Film vielleicht etwas von seinem bemüht intellektuell-philosophischen Gestus genommen.

Dennoch habe ich länger keinen Film gesehen, der die aufgerissenen Probleme derart entspannt und wenig sensationslüstern auszutragen versucht. Leider wird diese Haltung zum Ende hin wieder fallengelassen, so dass man ein wenig enttäuscht aus dem Kino kommt, aber zwischendurch kann man doch zuweilen dieses von Solaris oder 2001 bekannte Gefühl bekommen, dass es sich lohnt, Science-Fiction-Filme zu machen.

Weiterführende Links:
Offizielle Website von Moon
Diverse Trailer von Moon

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