Weder politisch noch ideell ist der Liberalismus eine Kraft, deren Einfluss in Deutschland über die Kreise einiger Eliten hinausreicht. Gleichwohl hat er als „bürgerliches Vorurteil“ (Lenin) in den letzten Jahren manch Phantasma produziert – angefangen vom Feuilletonphänomen der „Neuen Bürgerlichkeit“, über das sogenannte neoliberale Projekt bis hin zu jener Beschwörung einer „Bürger-Bewegung“, welche das Magazin Focus erst vor einigen Wochen mitsamt Benennung ihrer Leitfiguren lieferte: Wolfgang Clement, Friedrich Merz, Peter Sloterdijk, Thilo Sarrazin und andere mehr.
Der Medienwissenschaftler Norbert Bolz hat sich in den letzten Jahren einen Platz in dieser bunten Truppe erschrieben. Er gehört zu jenen Autoren mit der erstaunlichen Begabung, Bücher in Frequenzen von wenigen Monaten zu publizieren und dabei stets den Anspruch zu erheben, aktuelle Debatten im Lichte der gesamten abendländischen Geistesgeschichte zu erörtern – und zwar in einem sehr eigenwilligen Stil. „Wo der Zeitgeist sein Unwesen treibt, ist Norbert Bolz nicht weit“, bescheinigte ihm der Philosoph Wolfgang Kersting im Januar dieses Jahres anlässlich einer Rezension zu Bolz’ mittlerweile vorvorletztem Buch Diskurs über die Ungleichheit. Kersting kritisierte dieses Werk als einen „weitgehend argumentationsfrei zusammengehäkelte[n] Zitatteppich“ im Stile eines „ausgeschüttete[n] Zettelkasten[s]“ und wunderte sich über Bolz‘ tabubrecherischen Habitus, jenes Darüber-werde-man-jawohl-noch-sprechen-Dürfen inmitten einer permissiven Gesellschaft.
Will man dies alles nicht als Stilcharakteristikum des Berliner Professors stehen lassen, bleibt nichts anderes übrig, als Kerstings Diagnose auch unter dem Eindruck des jüngsten Bolz’schen Werkes, dem im Juni bei Fink erschienenen Band Die ungeliebte Freiheit. Ein Lagebericht zu bestätigen. Bolz befasst sich darin mit der Freiheit und er tritt ein für einen „männlichen“ Liberalismus, der den Leser – aus systematischen Gründen – nicht zufriedenstellen kann. Folgendes lässt sich außerdem feststellen: Der Begriff der Freiheit, wie ihn Bolz entwickelt, führt in zahlreiche Paradoxien, deren größte der sonderbare Gedanke ist, Freiheit bestünde gerade darin, Freiheit zu beschränken. Bolz polemisiert zwar gegen den Staat und im Besonderen gegen den paternalistischen Sozialstaat, politische Korrektheit oder die Verherrlichung der Gruppe (Stichworte: Teamarbeit, Schwarmintelligenz). Gleichzeitig räumt er aber die unausweichliche Notwendigkeit des Staates ein, nicht nur um negative Folgen fehlgeleiteter Freiheitswahrnehmung abzufedern, sondern um wahre Freiheit, verfeinerte Freiheit erst möglich zu machen.
Sowohl jenen, deren individualistischer oder freiheitsliebender Impuls sich bevorzugt gegen den Staat richtet, als auch jenen, die mit dem Begriff der Freiheit generell wenig anzufangen wissen, werden in dem Buch wenig Zustimmungsfähiges finden. Ihnen muss es inkonsequent erscheinen, dass Bolz den Liberalismus nicht in den strengen Strichen ungehinderter Selbstverwirklichung des Einzelnen zeichnet, sondern die zarte, spiralförmige Dialektik einer wechselseitigen Steigerung von Freiheit und Ordnung entwickelt – und dabei von jedem Einzelnen ausgerechnet Konsequenz einfordert, Klarheit und Treue zu Entscheidungen, mit einem Wort: Männlichkeit.
Bolz würde es nicht wundern, so viele seiner Leser die Grundgedanken des Buches als mysteriös abweisen sollten. Ausdrücklich weist er darauf hin, dass er keinen wissenschaftlich differenzierten Essay über den Freiheitsbegriff schreiben wolle. Für die Fragen von Willensfreiheit und Determinismus interessiert er sich nicht, vielmehr gelte:
Die Frage, ob der Mensch frei sein kann, versteht nur der, der frei sein kann. [..] Nur wer die Freiheit liebt, kann ihren Begriff denken. (10)
Seine eigene Lehre nimmt dadurch beinahe esoterischen Charakter an: eine Geheimlehre für Eingeweihte. Auf Proselytenmacherei scheint Bolz es nicht abgesehen zu haben, obgleich er andeutet: „Man kann die Freiheit nicht beweisen; man kann sich nur zu ihrer Idee bekehren.“ (10) Die ungeliebte Freiheit ist die Schrift eines freiheitlichen Bekenners. Aus diesem Grund gehört sie jedoch auch nicht zu der Art von Betroffenheitsliteratur eines angesichts der politischen Zustände der Bundesrepublik narzisstisch Gekränkten, die man hinter diesem Titel erwarten könnte.
Max Weber stellt in Wissenschaft als Beruf im Hinblick auf die von ihm diagnostizierte „Entzauberung der Welt“ fest:
Wer dies Schicksal der Zeit nicht männlich ertragen kann, dem muß man sagen: Er kehre lieber, schweigend, ohne die übliche Renegatenreklame, sondern schlicht und einfach, in die weit und erbarmend geöffneten Arme der alten Kirchen zurück. Sie machen es ihm ja nicht schwer. Irgendwie hat er dabei – das ist unvermeidlich – das ‚Opfer des Intellektes‘ zu bringen, so oder so.
Der Liberalismus als entschiedene und mutige Alternative zur Religion? Auch Bolz ist davon überzeugt, dass ein männlicher Liberalismus möglich ist – im Gegensatz zu einem Liberalismus der Disziplinlosigkeit, des Egoismus und der Selbstverwirklichung. Mehr noch meint er, „dass ein recht verstandener Liberalismus unter modernen Lebensbedingungen die einzige Form ist, in der sich Männlichkeit bewähren kann.“ (51)
Um das sacrificium intellectus kommt aber auch der männliche Liberale nicht herum. Der Einzelne – Prototypen sind etwa Stirners Einziger oder Jüngers Waldgänger – hat sich vorbehaltlos für das Richtige und Sinnvolle zu entscheiden. Mit dem gewöhnlichen Diskurs um negative oder positive Freiheit, mehr oder weniger Staat, freie oder soziale Marktwirtschaft hat das nicht mehr viel zu tun – und das ist Verdienst wie Versäumen des Autors zugleich, der seinen Leser zwar auf dessen bürgerliche, männliche Pflichten hinweist, mehr als dies festzustellen aber unterlässt:
Heute bewährt sich die Tapferkeit des Bürgers darin, dass er seine Identität in der rituellen Aufrechterhaltung der sozialen Situation sucht, seine Würde im Konsumiertwerden durch die Institutionen findet und in der Funktionsfähigkeit der sozialen Systeme das moderne Äquivalent für Gerechtigkeit anerkennt. (132)
Um die (Un-)Popularität dieser Vision wird man sich kaum besorgen müssen.
Norbert Bolz, Die ungeliebte Freiheit. Ein Lagebericht, Paderborn: Wilhelm Fink 2010.
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