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Quelle: http://phainomena.de/2010/12/10/was-ist-ueberhaupt-freizeitgestaltung

Was ist überhaupt Freizeitgestaltung?

Ein Gespräch über die Zeitschrift „Neugier.de“, die unlängst in erster Ausgabe erschienen ist

Von Ulrike Janovsky & Manuel Schölles  am 10. Dezember 2010 ·  Rezension

Cover von „Neugier.de“

Manuel: Keiner weiß es so recht, was unter Neugier genau zu verstehen ist, aber sie hat dennoch einen schweren Stand. Während die kindliche Neugier jetzt auch im vereinigten Deutschland unter staatliche Obhut gestellt werden soll, im Kindergarten aber gerade noch als letztes Refugium freier menschlicher Tätigkeit geduldet wird, hat das Wort in der Sphäre der Erwachsenen eigentlich keine lebendige Bedeutung mehr. Von der ursprünglichen kindlichen Neugier ist da nichts mehr übrig, weil der neugierige Mensch notwendigerweise hinterfragen, neue Wege einschlagen und Wagnisse eingehen muss. Selbst die Philosophie, gewissermaßen die institutionalisierte Neugier, kann mit ihr offenbar nicht mehr viel anfangen, allen voran Martin Heidegger, der sie gleich dreifach verurteilt: Sie diene dem Unverweilen, der Zerstreuung und der Aufenthaltslosigkeit eines entwurzelten Daseins, so der schwäbische Denker in Sein und Zeit. Wie nannte Heidegger doch nur die Entdeckungslust seiner Kinder?

Ulrike: Dass es um die Neugier nicht gerade rosig steht, wurde mir vor allem bewusst, als ich darüber reflektierte, wie ich der Zeitschrift das erste Mal begegnet bin: Als mir der Titel auf der Frankfurter Buchmesse ins Auge fiel, wurde prompt ein mulmiges Gefühl in mir ausgelöst. Irgendwie hatte ich überhaupt keine Lust reinzuschauen. Die Aufmachung, die Autoren und Hintergründe … Ganz ehrlich, ich hatte Angst, dass es sich, trotz der offenbar großen Vorsätze, doch nur um eine eher beliebige und obendrein anstrengend zu lesende Indien-Reportage handelt. Als ich meine Bedenken, die ich wohl all den anderen „ambitionierten” Printmedien zu verdanken habe, endlich überwunden hatte, durfte ich bereits nach den ersten wenigen Sätzen beglückt feststellen, dass ich schmunzeln musste. Ich hatte Spaß am lesen – meine Neugier war geweckt.

Manuel: Ich sollte vielleicht auflösen, dass wir von Neugier.de sprechen, einem neuen periodisch erscheinenden Journal, das im Großen und Ganzen aus dem Netzwerk Die Achse des Guten hervorgegangen ist. Dessen prominentestes Mitglied dürfte Henryk M. Broder sein, aber auch Vera Lengsfeld, Wolf Lotter, Dirk Maxeiner und Michael Miersch sind zu nennen. Dass in der ersten Ausgabe Made in India auch viele indische Autoren wie der liberale Autor Sauvik Chakraverti zu Wort kommen, versteht sich nicht von selbst; der (natürlich immer wohlmeinend-kritische) Blick des neutralen Beobachters (= des gelangweilten deutschen Durchschnittsbeobachters) ist nicht die einzige schlechte Angewohnheit des hiesigen Journalismus, die in Neugier.de außer Kraft gesetzt werden soll. Jedenfalls, es lohnt, zunächst einen längeren Abschnitt aus dem Editorial des Heftes zu zitieren:

Jeder von uns kommt neugierig auf die Welt. Der Mensch ist mit dem Antrieb ausgestattet, die Welt zu erkunden und immer neue Grenzen zu überwinden. Die menschliche Neugier ist unersättlich. Das macht sie zu einer Leidenschaft, die sich keiner vorgegebenen Moral oder politischen Korrektheit unterordnet. Die Erkenntnisse, die der Mensch aus Neugier erwirbt, haben oft unvorhergesehene Konsequenzen. Sie bedrohen das Gewohnte. Deshalb wird immer wieder versucht, die Neugier zu zähmen. Hier nicht. (3)

Ulrike: Ein neues Verständnis, was Journalismus bedeutet, für den Schreibenden und den Lesenden. Was mir dabei besonders aufgefallen ist, dass hier unverblümt die Meinung des Verfassers preisgegeben wird, ohne Objektivität vorzutäuschen, wie man es aus den Medien mittlerweile gewohnt ist: eben nur der Schein von Objektivität. Bei Neugier.de steht man klar und deutlich zu seiner Meinung, was mich als Leser erstmal von der Unsicherheit befreit, ständig auf der Hut vor subtilen Zeichen zu sein, die mir eine bestimmte Auffassung zu den geschilderten Informationen suggerieren, ohne dass ich am Ende weiß, wie ich überhaupt zu dieser Meinung gekommen bin und welche begründeten Argumente denn nun wirklich dafür oder dagegen sprechen. Die Offenheit, mit der hier geschrieben wird, erzeugt echtes Vertrauen beim Leser; dieses ist notwendig dafür, den Inhalten ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken. In diesem Sinne wird in vielen der Texte spürbar, dass die Autoren tatsächlich vor Ort waren, dass sie selbst neugierig geworden sind und die Inhalte nicht nur als Mittel zur Bestätigung ihrer eigenen Weltsicht instrumentalisieren.

Manuel: Hierzu möchte ich Vera Lengsfelds Artikel zur „Klimareligion“ hervorheben, in dem sie ein weiteres Mal deutlich macht, wie perfide die Methoden gewisser Nachhaltigkeitsprediger geworden sind, mit denen Mutter Erde gegen die individuelle Freiheit des Menschen ausgespielt werden soll. Dabei geht es doch im Kern darum, so scheint mir, dass endlich eine offene Diskussion um die Bedeutung von Nachhaltigkeit geführt werden muss. Vielleicht ist dem Klima ja am Ende mehr geholfen, wenn wir uns weniger auf die Segnungen der Politik verlassen, dem privaten Engagement wieder mehr Raum geben und halsbrecherische Investitionen in „Klimaprojekte“ noch einmal überdenken. Und ja, in Indien gibt es tatsächlich keine Klimareligion, was uns Europäern wirklich zu denken geben sollte.

Ulrike: Die einen wollen die Mauer zurück, die anderen protestieren gegen Stuttgart 21, einige leiden unter Burnout, viele sind depressiv, die meisten brauchen mehr Freizeit, aber die meisten wissen gar nicht, was sie mit ihr anfangen sollen. Manche suchen sich ungewöhnliche Hobbys oder kultivieren eine kleine psychische Störung. Telefonate mit Freunden werden zu Therapiestunden und die Arbeit ist längst zu einem „notwendigen Übel“ degeneriert … Okay, vielleicht war das schon immer so, desto erfrischender ist jene leichte indische Brise, die einem aus dem Heft ins Gesicht weht und lehren will, dass trotz fehlendem Kindergeld, Elterngeld oder anderer materieller Anreize nicht nur die indische Bevölkerung wächst, sondern auch der Glückshaushalt der indischen Eltern eine bessere Bilanz aufzuweisen scheint als hierzulande. Dazu kommt noch der folgende Umstand – und das ist bewundernswert:

Die Menschen wissen, dass ein Zusammenhang zwischen Arbeit, Leistung und Wohlstand existiert, dass Bildung der Schlüssel zum Vorankommen ist, dass Eltern Verzicht leisten und investieren müssen, damit deren Kinder es einmal besser haben. (7)

Manuel: Am meisten hat mich Dirk Maxeiners Portrait des indischen Unternehmensberaters Arun Gairola fasziniert. Dessen Perspektive für das schrumpfende Deutschland lautet: Umbau zu einem High-Tech-Agrarland, eine Selbstabschaffung – zumindest vor dem Hintergrund geltender Paradigmen –, an die selbst Thilo Sarrazin nicht gedacht hat. Wasser kann zur wertvollsten Ressource der Deutschen werden, zumal es mit der Bildung nicht mehr so recht klappen will. Um die wachsende Weltbevölkerung zu ernähren, steht Deutschland mit seinen gigantischen Wasservorräten in bester Qualität eine Schlüsselrolle zu.

Ulrike: In dem wunderbaren Lexikon von A wie Alleinerziehend bis Z wie Zug erfährt man kurz und knapp allerhand Interessantes über den indischen Alltag. Dass es Zebrastreifen zum Beispiel gar nicht gibt und man so nicht ohne Weiteres auf die andere Straßenseite gelangt, vielleicht sogar einfach nur hoffen kann, dass man in seinem nächsten Leben auf der anderen Seite geboren wird. Dass Inder mehrere Leben haben, hat aber noch einen weiteren Vorteil. Hängen wir immer noch barocken Lebensweisheiten wie dem Carpe diem nach, die dann doch nur ein schlechtes Gewissen am Ende des Tages zurücklassen – ohne wirklich jemanden zu motivieren, sein Leben sinnvoll zu gestalten –, sind die Inder da ganz anders unterwegs. Denn: „Zeit ist in Indien nicht knapp: Arbeitszeit ist billig[,] Lebenszeit wiederholbar [und] Freizeit als Problem noch nicht bekannt.” (Lexikon, Seite 56) Wie schön das wäre, so frei zu sein. Stattdessen machen wir uns schon mindestens ein Jahr im Voraus darüber Gedanken, wo wir uns den nächsten Sonnenbrand holen können und die Zeit bis dahin wird in so einigen Wellness Hotels verbracht, die uns Entspannung bringen sollen, aber tatsächlich eher langweilen und nur allzu oft Ehekrisen heraufbeschwören. Dann doch lieber allein in den Baumarkt und das Wohnzimmer neu tapezieren, wenn die Frau im Garten Unkraut jätet.

Manuel: … oder in der Küche Pferdefleisch zubereitet.

Ulrike: Meine erste Erfahrung mit dem Verzehr von Pferdefleisch war damals in einer Pizzeria in Berlin-Kreuzberg. Ich war einerseits neugierig und andererseits wollte ich meinen Gegenüber ärgern. Schon damals habe ich mich aber während des Essens gefragt, warum es eigentlich so tabuisiert ist, Pferdefleisch zu essen – am Geschmack, so fand ich, konnte es jedenfalls nicht liegen. Dass man Pferde irgendwann zu lieb gewonnen hatte, lieber streicheln und reiten statt essen wollte, kam mir auch wenig einleuchtend vor, schließlich sind Lämmer, Hasen etc. auch nicht gerade fiese Gesellen. Es musste einen anderen Grund haben, den ich damals mangels ausreichender Neugierde nicht weiter recherchiert habe. Danke, lieber Udo Pollmer, dass ich endlich eine Antwort darauf bekommen habe! Ich werde mich gleich auf den Weg zum Viktualienmarkt machen, ein Pferdekotelett kaufen und mich in dem guten Gefühl wiegen, nicht die Massentierhaltung unterstützt zu haben. Moralisch also keine schlechte Idee, tabuisierte Tiere zu essen, schließlich gibt es ohne Nachfrage auch keinen Markt dafür. Aber das ist natürlich keine endgültige Lösung. Viel spannender und wesentlich zukunftsträchtiger ist die Idee, Fleisch künstlich zu züchten, ohne es am lebendigen Tier wachsen lassen zu müssen. Wow! Von dieser Idee, verpackt in dieser wunderbaren Formulierung, habe ich tatsächlich so noch nicht gehört. Dann muss man wenigstens kein Vegetarier mehr sein, um sich moralisch überlegen zu fühlen.

Manuel: Jetzt haben wir schon genug verraten: Neugier.de kann für 22 € auf der folgenden Website bestellt werden: www.neugier.de. Übrigens kein Cent zu viel.

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