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Lauter kleine blaue Wunder

Johann Sebastian Bachs Suiten für Violoncello solo

Von Michael Preis am 1. Mai 2010 · Rezension

violoncello

Foto: pheanix300 (cc-by)

Mstislaw Rostropowitsch gilt vielen Freunden ‚klassischer’ Musik als legitimer Nachfolger von Pablo Casals. Beide gehören zu den prägenden Cellisten ihrer Generation. Beide waren darüber hinaus als Dirigenten erfolgreich, Rostropowitsch zudem als Liedbegleiter, Casals auch als Komponist. Beide waren aufgrund ihrer politischen Widerspenstigkeit den offizielleren Vertretern ihrer jeweiligen Nation eher ungeliebte Patrioten. Beide verstanden sich als Botschafter eines politischen Humanismus. Beide glaubten an Bach und seine Cellosuiten, mit dem Unterschied allerdings, dass Pablo Casals von sich behaupten konnte, er habe sie in einem Antiquariat irgendwo in Spanien noch persönlich ausgegraben.

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Ein diskreter Anarchist

Hugo Ball über Michail Bakunin

Von Martin Ingenfeld am 30. April 2010 · Rezension

Hugo Ball - Bakunin

© Wallstein-Verlag

Heute vornehmlich als Dada-Protagonist bekannt und zugleich erster Dada-Renegat, machte sich Hugo Ball vor beinahe hundert Jahren daran, die Deutschen und ihre staatsfetischistischen Neigungen mit wohldosiertem Anarchismus zu therapieren – ohne Erfolg. Nun ist sein fragmentarisches Bakunin-Brevier als vierter Band der Sämtlichen Werke und Briefe Balls, herausgegeben von Hans Burkhard Schlichting, erstmals erschienen. Weit mehr als eine Lücke in der deutschen Rezeptionsgeschichte Bakunins ist dem interessierten Publikum damit endlich eine Lücke in Werk und Denken Balls geschlossen.

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Lässiger Hedonismus

Die Urbanauten bangen um den Kulturstrand an der Corneliusbrücke

Von Manuel Schölles am 27. April 2010 · Notiz

Zwei Wochen vor dem geplanten Start des Kulturstrandes am Isarbalkon der Corneliusbrücke, der im letzten Jahr mit über 100.000 Besuchern aufwarten konnte, gibt es noch immer keine Genehmigung aus dem Münchner Rathaus. Die Urbanauten, die sich die (Wieder-)Belebung öffentlicher Räume zur Aufgabe gemacht haben und auch den Kulturstrand organisieren, denken sogar schon daran, die Sache ganz aufzugeben, zu zeit- und nervenraubend verhält sich die städtische Bürokratie. Dabei scheint es sich so zu verhalten, als ob zwei Weltanschauungen, zwei München-Bilder aufeinander treffen: auf der einen Seite die Proponenten eines urbanen, vielleicht sogar: postmodernen Münchens, auf der anderen Seite die zögernden Hüter von Ordnung, Ruhe und Sauberkeit. In Wahrheit gibt es aber gar kein Gegeneinander, weil sich Stimmung und Atmosphäre der bayerischen Landeshauptstadt doch eigentlich dadurch auszeichnet, beide Positionen aufs beste vermitteln zu können. Man könnte dies den lässigen Hedonismus Münchens nennen; und der Kulturstrand an der Corneliusbrücke stellt eine wunderbare Manifestation dieses Hedonimus dar. Es ist nur zu hoffen, dass dies auch im Rathaus verstanden wird.

Im Übrigen: Laut der Bevölkerungsprognose der Bertelsmann-Stiftung wächst die Münchner Bevölkerung bis zum Jahr 2025 um 11,6 Prozent. München kann damit von allen deutschen Städte die mit Abstand größte Dynamik vorweisen; dass dies auch im Stadtleben seinen Niederschlag finden wird, steht außer Zweifel. Es wird noch einiges in Bewegung kommen.

Kommentarlos

Vom Vorteil, nicht kommentieren zu dürfen – eine Polemik wider das freie Kommentieren im Internet

Von Manuel Schölles am 23. April 2010 · Essay

Kommentare im Internet sind wie der Sand der Wüste. Will man ihn zu fassen kriegen, zerrinnt er zwischen den Fingern und das einzelne Sandkorn für sich scheint keine Bedeutung zu haben; in ihrer Gesamtheit aber bilden die Kommentare eine unermessliche Ansammlung von Meinungen, Ideen und Verweisen, die nichts mehr anderes sind als eben Haufen, Fülle, Überschuss oder gar – Netz.

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Die Bibliothek als Parkplatz

Über die Verhältnisse im neuen Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum der Humboldt-Universität

Von Tom Wellmann am 20. April 2010 · Marginalie

grimm-zentrum

Das Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum der Humboldt-Universität in Berlin
Foto: Kai Hendry (cc-by)

Schon mehrere Journalisten hat die neue Zentralbibliothek der Humboldt-Universität, das Grimm-Zentrum, zu einem Vergleich mit einem Swimming-Pool auf Mallorca inspiriert. Wer schon einmal in einer mediterranen Ferienanlage Urlaub gemacht hat, kennt die bei den Deutschen weit verbreitete Sitte, sich vor dem Frühstück durch Ablegen eines Badehandtuchs die besten Liegestühle am Pool für den Tag zu reservieren. Mit diesem Phänomen hat seit seiner Eröffnung auch das Grimm-Zentrum zu kämpfen, nur dass es sich dabei nicht um Liegestühle, Handtücher und Urlauber, sondern um Leseplätze, Bücher und Studenten handelt. Schwer hat es, wer sich dort unter der Woche erst am Mittag auf die Suche nach einem freien Platz im Lesesaal begibt. Die Leitung des Hauses hat darum nach diversen provisorischen Schritten jetzt zu einer für Bibliotheken höchst ungewöhnlichen Maßnahme gegriffen: Jeder Nutzer erhält bei Eintritt eine rote Parkscheibe, auf der er bei jedem Verlassen seines teuren Arbeitsplatzes die aktuelle Uhrzeit einstellen muss. Wer nach einer Stunde nicht zurückgekehrt ist, hat den Anspruch auf seinen Leseplatz verwirkt; das, was er dort liegen gelassen hat, darf nun ohne Umschweife entfernt werden. Angeschlossene Laptops werden „zur Seite geschoben“.

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Vom unermesslichen Meer der Seele

Ein Kommentar zur amerikanischen Fernsehserie „In Treatment“

Von Ulrike Janovsky am 14. April 2010 · Rezension

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In Treatment von Rodrigo García, dem Sohn von Gabriel García Márquez, braucht wie viele gute Serien ein wenig Zeit. Man muss sich erst langsam hineinfinden. Aufgrund des besonderen Formats der ›Psycho-Therapie‹, das zu 80 Prozent nur einen einzigen Raum (mit Badezimmer) bespielt – bei den anderen 20 handelt es sich um die Wohnung der Supervisorin Gina (Dianne Wiest) –, gilt es, die Figuren vor allem durch ihre Erzählungen kennenzulernen. Gelegentlich wird dem Innen aber auch ein Außen entgegengestellt, indem die Patienten erst in das Zimmer des Therapeuten hineingeführt, manchmal sogar wie vor einer Pforte wartend gezeigt werden. Dabei kommt es nicht selten auch zum Fensterblick, der für den realistischen Film so bedeutend ist. Diese Situationen des Außen betreffen allerdings ausschließlich die Zeit vor und nach der Therapie. Es gibt also keine Zwischensequenzen, in denen visuell andere Orte, zum Beispiel durch eine andere Bildebene bei den Erzählungen der Patienten, bespielt werden. Nun könnte man meinen, dieser Umstand wirke ermüdend und würde den Zuschauer schnell langweilen, aber ganz das Gegenteil ist der Fall.

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Mehr Matsch, bitte!

Was mir im Ton von Sol Gabetta fehlt

Von Michael Preis am 12. April 2010 · Rezension

Sol Gabetta ist eine junge Cellistin, um deren Karriere man sich wenig Sorgen machen muss. Sie hat 1998 einen dritten Preis beim ARD-Wettbewerb in München gewonnen. Man hat ihr 2004 mit der Zuerkennung des prestigeträchtigen Credit Suisse Young Artist Award die Möglichkeit eröffnet, beim altehrwürdigen Lucerne Festival mit den Wiener Philharmonikern zu debütieren. Im Jahr 2007 erhielt sie ihren ersten, 2009 dann einen zweiten ECHO der Klassik; und in der Liste ihrer weiteren Auszeichnungen steht ein Preis beim Tschaikowski-Wettbewerb in Moskau.

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