Es gibt schlechte lesenswerte Bücher. John Grays nihilistische Gedankensammlung Straw Dogs ist voller Widersprüche und Banalitäten, sein reduktionistischer Naturalismus gehorcht, gerade in der völligen Absage aller humanistischen Errungenschaften, noch den Spielregeln eines rational-aufgeklärten Geistes. Grays Zeitdiagnosen aber, die sich immer wieder in bestrickenden Sentenzen verdichten, bergen einen ernsthaften und zutiefst beunruhigenden Gedanken: Was, wenn wirklich kein Gott zur Rettung kommen wird, wenn uns weder Geschichte noch Wissenschaft von den selbst geschaffenen globalen Problemen erlösen werden? Dann seien die Gräuel des zwanzigsten Jahrhunderts, so Gray, nur ein Vorgeschmack auf die künftigen Katastrophen der Menschheit. – John Gray, Straw Dogs. Thoughts on Humans and Other Animals, London 2002.
Homo rapiens
John Grays »Straw Dogs« – Von Menschen und anderen Tieren
Die Inversion
Über die Umkehrung als Mittel der Bedeutungsverschiebung und stimmungsmäßigen Verstärkung
Unter einer Inversion verstehen wir landläufig die Umkehrung des Satzschemas Subjekt-Prädikat-Objekt. Weil dieses Schema von der deutschen Grammatik nicht so festgeschrieben ist wie etwa im Englischen, haben wir es jedoch, genauer besehen, nicht mit einer Umkehrung, sondern vielmehr mit einer Verteilung zu tun, nämlich einer ziemlich freien Verteilung der Satzteile auf den Satz, sodaß also in den meisten Fällen gar kein Verstoß gegen die Grammatik besteht. Weiterlesen …
2010
Einige Neuigkeiten in eigener Sache
Phainómena entledigt sich Schritt für Schritt seines experimentellen Charakters und wurde zur neuen Dekade (d. h. zum immerhin fünften Geburtstag des Projekts) in mehreren Punkten weiterentwickelt. Zunächst sei das um eine graphische Ebene erweiterte Design erwähnt, das Nutzer des Internet Explorers 6 nun leider endgültig ausschließt. Das sind, wie der Nutzerstatistik zu entnehmen ist, immerhin 7 Prozent der bisherigen Besucher, die allerdings meistenteils von veralteten institutionellen Rechnern aus den Blog aufrufen. Weiterlesen …
War es ein krg?
Winnetou hielt seine Nase dicht an die Zedernzweige und roch … absolut nichts … sie ritten weiter
Die Tage von Derrick und Columbo sind gezählt. Kein Inspektor, der die Lösung des Falls bereits zu Beginn der Ermittlung im linken Bein pochen hört oder durch Einfühlung in die Beteiligten den Mörder zu ermitteln vermag. Die heutigen Kriminalfälle stehen unter dem Regiment der DNA-Analyse. Und so liegt auf den Freßgewohnheiten von Maden das Hauptaugenmerk der Ermittlungsarbeit, anstatt der Befragung von Augenzeugen. Bezeichnend dafür ist die Umsetzung der Zeugenbefragung in Jörg Maurers Roman Föhnlage. »War es eher ein krg - [...] oder ein phfump?« (S. 46) Das Ergebnis der Befragung: »Knallzeuge«, Frau Dr. Schmalfuß. Und wie ein Knall löst sich auch der Sinn Ermittlungmethode in Luft auf. Doch welche Methoden führen Kommissar Jennerwein zur Lösung des Falls? Horatio ist in Miami und leider auch das wissenschaftlich versierte Ermittlerteam an seiner Seite. Weiterlesen …
Rahmen und Rhythmus
Der dritte Teil der Deutschen Stilkunst erörtert die Probleme des Rahmenbaus
Bevor wir uns weiter in die allgemeine Theorie des Stils vertiefen, dürfte es nun dazu angetan sein, einen konkreten Anwendungsfall zu betrachten: das Problem des Rahmenbaus. Dem Deutschen eignet nämlich die Besonderheit, daß nicht wenige Sätze wie Rahmen oder Klammern strukturiert sind. Weiterlesen …
Sterne der Literatur am gemeinsamen Himmel
Der dritte und letzte Teil des Essays »Der deutsche Wolf und der Pole im Schafspelz« über das deutsch-polnische Verhältnis
Die Möglichkeit, eine europäische Identität aufzubauen, indem man sich unabhängig seiner Nationalität zusammenzuschließt, um gegen menschenverachtende Ideologien und Werte vorzugehen, ist nicht neu. »Die Europäische Union [ist] ja selbst gewissermaßen die Gestalt gewordene Lehre aus den Kriegen und Diktaturen des 20. Jahrhunderts«. Weiterlesen …
Erstarrte Zeit und ein gelangweilter Gott
Die lang erwartete Fortsetzung unserer Bergmanie: »Frauenträume«
Nach dem lauen Sommerduft, den sanften nächtlichen Geräuschen und den bewegten ersten Takten eines Fantasie-Impromptus von Chopin, die Das Lächeln einer Sommernacht durchdringen, beginnt Ingmar Bergmans Film Frauenträume (Kvinnodröm, ebenfalls aus dem Jahr 1955) in der ernüchternd sterilen Atmosphäre eines Stockholmer Modefotostudios. In dieser Welt der reinen Oberfläche posieren weibliche Fotomodelle in einstudierter, gekünstelter Haltung vor bedeutungslosen Requisiten. Der gelangweilte Gott dieser Welt ist ein fettleibiger Auftraggeber, der in dumpfer Gleichförmigkeit mit seinen Fingern einen ewig variationslosen Rhythmus klopft. Weiterlesen …
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