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Das Schicksal der Zeit männlich ertragen

Über Norbert Bolz’ „Die ungeliebte Freiheit“

Von Martin Ingenfeld am 24. August 2010 · Rezension

Weder politisch noch ideell ist der Liberalismus eine Kraft, deren Einfluss in Deutschland über die Kreise einiger Eliten hinausreicht. Gleichwohl hat er als „bürgerliches Vorurteil“ (Lenin) in den letzten Jahren manch Phantasma produziert – angefangen vom Feuilletonphänomen der „Neuen Bürgerlichkeit“, über das sogenannte neoliberale Projekt bis hin zu jener Beschwörung einer „Bürger-Bewegung“, welche das Magazin Focus erst vor einigen Wochen mitsamt Benennung ihrer Leitfiguren lieferte: Wolfgang Clement, Friedrich Merz, Peter Sloterdijk, Thilo Sarrazin und andere mehr.

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Verlust und Sieg

Ein Nachruf auf den Künstler Christoph Schlingensief

Von Kay Wolfinger am 22. August 2010 · Marginalie

49 Jahre durfte er werden. Am 21. August starb der Regisseur, Filmemacher, Performancekünstler und Sozialaktivist Christoph Schlingensief. Seit 2008 war er an Lungenkrebs erkrankt: Bittere Erfahrungen von Vergänglichkeit, Schmerz und Desorientierung, die er in seinem Buch So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein! – Tagebuch einer Krebserkrankung (2009) verarbeitete und auf einer groß angelegten Lesereise öffentlich machte, bei der er und ein oft mit ähnlichen Erfahrungen versehenes Publikum in Austausch treten konnten. So radikal und schonungslos wie diese Selbstentblößung, wie sein Kampf gegen den Krebs, wie sein Zwang, die Menschen zum Hinschauen zu bewegen, so bedingungslos ist auch das Werk, das er hinterlassen hat. Was wird bleiben? Ohne Zweifel seine wunderbaren avantgardistischen Experimentalfilme, die auch nach zwanzig Jahren noch sehenswert sind, oder seine Zusammenarbeit mit Helge Schneider, der in Schlingensiefs Mutters Maske (1988) eine demaskierende Parodie auf Veit Harlans Filmkunst geben durfte, die seine spätere Hitlerrolle in Dani Levys Mein Führer (2007) deutlich in den Schatten stellt. Schlingensief selbst hat kameraführend an einer unnachahmlichen Sequenz von Helge Schneiders Kinofilm Texas (1993) mitgewirkt und bei der Co-Regie von Schneiders 00 Schneider – Jagd auf Nihil Baxter (1994) sein Gespür für Innovation und Erneuerung bewiesen.

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Mysteries of Love

Nachtrag mit wunderbaren Filmen vom Filmfest München, die es sich unbedingt lohnt anzuschauen

Von Ulrike Janovsky am 12. August 2010 · Rezension

Filmstill aus „Unter dir die Stadt“ / © Piffl Medien

Nun liegt das Münchner Filmfest zwar schon ziemlich weit zurück, aber das bedeutet noch lange nicht, dass die Filme schon in den deutschen Kinos laufen, falls sie es überhaupt je bis dahin schaffen werden. Dieses undankbare Schicksal, keinen Verleih zu finden, wird höchstwahrscheinlich Redland von Asiel Norton zuteil (Trailer). Seit langem hat mich ein Film nicht mehr so bezaubert und auf die Notwendigkeiten des Lebens zurückgeführt, wie es dieser getan hat. Die Bilder und die Weise ihrer Darbietung im Reigen dieser fabelhaft besetzten Schauspieler eröffnen eine Welt, die uns ferner nicht sein kann, und trotzdem steckt dahinter eine Geschichte, die universale Gültigkeit hat. Es geht um die existenzielle Aufgabe, den Erhalt einer Familie zu sichern und die erschreckenden aber zugleich notwendigen, ja natürlichen Wege diesem Ziel nachzukommen.

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Störung der Mondzeit

Duncan Jones versucht mit „Moon“ den philosophischen Science-Fiction-Film wiederzubeleben. Das gelingt ihm beinahe

Von Tom Wellmann am 8. August 2010 · Rezension

© Koch Media/24 Bilder

Warten ist bekanntlich umso schwieriger und belastender, je näher das Erwartete rückt. Diesem Phänomen sieht sich auch Sam, der Protagonist von Duncan Jones’ Regiedebüt Moon, zu Beginn des Films ausgesetzt. Nach drei Jahren als Arbeiter auf einer von der Firma Lunar Industries betriebenen Station auf der erdabgewandten Seite des Mondes bleiben ihm noch zwei Wochen, bis er wieder zu Frau und Tochter auf die Erde zurückkehren kann. Das Unternehmen gewinnt auf dieser Station das wertvolle Helium 3, das zur Erzeugung von sauberer Energie genutzt wird, mit der Lunar nach eigenen Angaben schon 70 % der Erdbevölkerung versorgt. Um sich die mittlerweile vollends lästige Zeit zu vertreiben, sieht sich Sam trashige Videos an, baut an einem hölzernen Modell seiner Heimatstadt, treibt Sport und unterhält sich mit Gerty, einem Roboter, der ihm zugleich Hausfrau, Assistent und einziger Gesprächspartner (mit der hypersanften Stimme von Kevin Spacey) ist. Von Zeit zu Zeit erreichen Sam Videobotschaften seiner Frau, doch das Kommunikationssystem ist zerstört, weshalb beide nicht live miteinander sprechen können.

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Who's Who

Die Autoren von „Phainómena“ stellen sich vor

Von Manuel Schölles am 9. Juli 2010 · Notiz

Leider haben wir es bisher versäumt, uns den Lesern in gebührender Weise vorzustellen. Wer hinter den Namen der hier Schreibenden steckt, soll nun eine (sich ständig aktualisierende) Liste offenbaren: http://phainomena.de/autoren

Jeder Autor ist übrigens ab sofort auch per E-Mail zu erreichen, wobei in der Regel folgendes Schema gilt: „Autorenvorname@phainomena.de“.

Nach wie vor freuen wir uns auf Euer Feedback: Hinweise auf interessante Veranstaltungen und Veröffentlichungen, aber auch inhaltliche Ergänzungen, konstruktive Verbesserungsvorschläge und Anregungen aller Art sendet Ihr am besten an: feedback@phainomena.de.

Darüber hinaus könnt Ihr auch über Twitter und Facebook mit uns kommunizieren.

Nichtraucherschutz per Volksentscheid?

Eine Verwunderung

Von Martin Ingenfeld am 1. Juli 2010 · Marginalie

Bayern sagt Nein

Plakat des Aktionsbündnisses „Bayern sagt NEIN!“

Zum Standardrepertoire politischer Rhetorik gehört hierzulande die Forderung nach einem Mehr an Demokratie. Und wer wollte dem Bestreben, Bürgerinnen und Bürger stärker an politischen Entscheidungen zu beteiligen, widersprechen? Zwar wurde das in der Schweiz per Volkabstimmung erlassene Bauverbot für Minarette in Deutschland scharf kritisiert, doch ließe unser Grundgesetz eine solche Beschränkung von Menschen- und Bürgerrechten ohnehin nicht zu. Deshalb ist es verwunderlich, dass konkrete Schritte zur Stärkung plebiszitärer Mechanismen auf Bundesebene nicht einmal zu ernsthafter Diskussion stehen. Gleichwohl bilden Volksbegehren und Volksentscheide auf kommunaler und Landesebene ein etabliertes politisches Instrument. Erst im vergangenen Jahr erreichte das – letztlich erfolglose – Berliner Volksbegehren Pro Reli bundesweite Aufmerksamkeit. In diesem Jahr ist es ein durch die bayerische Initiative Für echten Nichtraucherschutz! – eines der erfolgreichsten Volksbegehren der Nachkriegsgeschichte – erwirkter Volksentscheid, der den bayerischen Bürgern die Entscheidung in einer heiß diskutierten Sachfrage anempfiehlt: die über Rauchverbote in der Gastronomie.

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We are carrying the fire

Notizen zum Münchner Filmfest: „The Road“, „Der letzte schöne Herbsttag“ und „Le jour où dieu est parti en voyage“

Von Ulrike Janovsky am 29. Juni 2010 · Rezension

“I’m not an american filmmaker.” Das war einer der Sätze des Regisseurs John Hillcoat, die mir noch im Gedächtnis herumschwirren, nachdem das Licht erloschen ist und der Film begonnen hat. The Road (Trailer) ist die Verfilmung des gleichnamigen amerikanischen Kultromans von Cormac McCarthy aus dem Jahre 2007 und erzählt die Geschichte eines Vaters (Viggo Mortensen), der sich im Gegensatz zu seiner Frau (Charlize Theron) für das Leben und damit für ein Leben mit seinem Sohn (Kodi Smit-McPhee)in einem postapokalyptischen Horrorszenario entscheidet. Schade ist, dass der Film wenig Spielraum für die Infragestellung der Entscheidung des Vaters lässt. Der Schluss macht das ganz deutlich: im Unterschied zur literarischen Vorlage wird hier nämlich das Kind in eine neue Familie überführt, die kein einziges negatives Anzeichen lässt. “We are the good guys because […] we are carrying the fire”, sagt der Vater einmal zu seinem Sohn. Dass es vom prometheischen Feuer als Zeichen der Kulturstiftung nicht weit zu einem entfesselten, zerstörerischen, ja mörderischen Feuer ist, führt der Film allerdings auf eine Weise vor, die diese Vater-Sohn-Beziehung nicht wirklich berührt. Hier gibt es ganz klar zwei Seiten, die Guten und die Bösen. Dabei wäre die Ambivalenz doch gerade vor dem Hintergrund eines dystopischen Zukunftsentwurfs das eigentlich Interessante gewesen. Jedes neue Haus auf dem Weg nach Süden wirft für die beiden die Frage auf, was sich in ihm verbirgt: eine Dose Coca-Cola oder ein Keller voller ausgemergelter, beinahe toter Körper auf dem Weg zur Schlachtbank. Die Figur des Un-Heimlichen, das hier wunderbar in der Bildlichkeit des Hauses entworfen wird, fehlt auf der Seite der Charaktere fast völlig. So fern also ist der rettende Gott dann doch nicht.

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